ausstellungen projekte aktionen vortraege texte werke lehre
>> texte
April 2009
Der Salon des belles Utopistes und andere Stadträume
in: kunststadt stadtkunst Nr. 56
Hrsg.: Kulturwerk des Berufsverbands Bildender Künstler Berlin GmbH


»Raum schaffen«
Zeichnung (Bleistift, Buntstift und Collage auf Papier, mehrfach gefaltet), 91 x 102 cm>
copyright Andrea Knobloch, Silke Riechert


Der salon des belles utopistes und andere Stadträume
Andrea Knobloch und Silke Riechert

WUNSCH,…
Warum eigentlich »Salon«? Wenn wir darüber nachdenken, welche Art von Räumen wir uns in unserer Stadt wünschen, dann stellen wir uns vielleicht zunächst nur überdachte, heizbare Flächen vor. Vier Wände, zwischen denen man »was machen kann«. Was das genau ist, bleibt erstmal im Unklaren. Vorstellungen von Aktivität, vom Zusammentreffen einer Vielzahl von Leuten, die interessante Gedanken aussprechen und spannende Projekte vorhaben, von Ideen, die in die Nähe der Realisierbarkeit gerückt werden könnten, scheinen vage vor dem geistigen Auge auf. Letztlich reicht die Geschlossenheit eines Innenraums dafür nicht aus. Man will auch wieder rein in die Stadt mit dem, was man sich so vorstellt und man will tun, handeln, umsetzen, real werden. Die eigenen Meinungen und die Erkenntnisse über Gestaltungsprozesse, die das Alltagsleben ebenso beeinflussen und oft auch beeinträchtigen, hinaustragen in die Stadt, die Straßen und Köpfe.

Der »salon des belles utopistes« als Denkraum und Sammelstelle für Ideen, die tatsächliche und zukünftige Ausgestaltung von Lebenswelten betreffend, war zunächst nichts weiter, als eine Art Wunschprojektion: Wir hätten diesen Ort gern im Dresdner Rundkino eingerichtet, einem Bauwerk, dass seit dem Hochwasser im Jahr 2002 still stand und daraufhin von vielen Seiten zur Disposition gestellt wurde. Als Künstlerinnen haben wir versucht, ein Gespräch darüber in Gang zu setzen, ob es sinnvoll ist, den Dresdner Innenstadtraum mit rigoroser Ausschließlichkeit in einen Konsumraum umzubauen. Mit Installationen und Aktionen, Workshops, Diskussionen, Musikveranstaltungen, Stadtführungen und Filmprojektionen auf der Prager Straße und im Rundkino wollten wir das Potential des Kinobaus als Ort für eine zeitgenössische Stadtkultur erlebbar machen. Das Minimalziel ist erreicht: Heute steht das Rundkino unter Denkmalschutz und es werden wieder Filme gezeigt. Die Prager Straße selbst ist dagegen kaum mehr wieder zu erkennen. Dort, wo einmal das Centrum Warenhaus stand, schiebt sich heute der wuchtige Baukörper eines 50.000qm großen Einkaufszentrums bis auf 18 Meter an die gegenüberliegende Ladenzeile heran. Die Brunnen und Außenanlagen, die Pflanzbeete und kleinen Nischen und Plätze, die den Straßenraum rhythmisiert und belebt haben, sind ausgetauscht gegen die öde Einfallslosigkeit einer betongrauen Symmetrie.

THEORIE…
Stadtplanung kommt über die Stadtbewohner/innen, wie ein plötzliches Sommergewitter: Es bleibt einem nichts anderes übrig, als den Schirm aufzuspannen und zu warten, bis sich das Wetter wieder ändert. Mitgestalten kann man diesen Vorgang in den meisten Fällen nicht. Im »salon des belles utopistes« kann man sich das zumindest wünschen, man kann aber noch weiter gehen und nach Möglichkeiten der Beteiligung an Planung suchen. Man kann modellhaft Projekte entwerfen, mit denen Beteiligung als Potential für Stadtplanungsprozesse gedacht und umgesetzt wird. Man kann den Denkraum verlassen und damit beginnen zu handeln. Letztlich geht es immer um die Frage: »Wie wollen wir leben?« und immer mehr um die Frage »Wie wollen wir zusammenleben?«. Um diese Fragen nicht mit Projektionen in die Zukunft zu beantworten, braucht es einen Raum, in dem jetzt und heute darüber verhandelt werden kann. Der »salon des belles utopistes« ist der Versuch, einen solchen Raum zu entwerfen.

Die wichtige Frage nach Gestaltung und Mitgestaltung betrifft nicht nur den Bau, die konkrete Form, sie betrifft auch die Mitgestaltung der demokratisch verfassten Gesellschaft überhaupt. Entwicklung hängt von Beteiligung ab. Die Überantwortung des eigenen Gestaltungsraums an Zuständigkeiten und das Übersehen der eigenen Mitverantwortung für diesen Raum führt zu einer konsumierenden Passivität, zu einer Haltung des Hinnehmens und Überlassens. Die Prager Straße in Dresden mit ihren Schaufenstern, ihren Sonderangeboten und ihrer manipulativen Shoppingmall-Architektur ist das wahr gewordene Phantasma einer entmündigenden Konsumwelt, die Handeln auf das Hinnehmen der vorgefundenen Zustände und das Überlassen des eigenen Gestaltungspotentials an das Warensortiment beschränkt.

Im »salon des belles utopistes«, den wir auch als ein Institut für Stadtentwicklung und künstlerische Forschung verstanden wissen wollen, geht es uns vor allem darum, im Bereich der Gestaltung von Stadträumen alle aktiven Gruppen zum Gespräch einzuladen. Da wir unser Projekt als künstlerische Setzung begonnen haben, das sich nun Schritt für Schritt entwickeln und Realisierungswahrscheinlichkeit gewinnen soll, arbeiten wir zur Zeit mit exemplarischen Rollenentwürfen, aus denen sich in im Rahmen von Aktionen und Installationen in konkreten Stadtsituationen, aber auch im Format von Workshops und Stadtentwicklungsprojekten spielerisch Planungsszenarios ableiten lassen:

Die Akteure des Glücks
Die Inspiration
Die Ästheten des Handelns
Die Baulust
Der Beplante
Die Gastgeberin
Der Mann mit dem Plan
Die Netzwerkerinnen
Das gute Leben
Die Künstlerinnen
Das Prozessuale
Die Querulantinnen
Die Spielende
Die Repräsentanten


Das Spiel als Handlungsrahmen bietet für die Aktivitäten des salons einerseits die Chance, sich zunächst nicht Sachzwang-konform einschränken zu müssen, auf der anderen Seite bleibt das Spielfeld selbst aber an Realität, an reale Situationen und Vorgaben angebunden. Scheinbar geht es um nichts, im Spiel aber doch um alles. Rollen können erprobt, verhandelt und verändert werden. Die eigenen Möglichkeiten, aber auch Einbahnstraßen werden erlebbar, die prinzipielle Gestaltbarkeit vorgeblich unhintergehbarer Setzungen wird sichtbar.

Mit unserem Projekt »salon des belles utopistes« möchten wir zu einer Praxis der Stadtentwicklung beitragen, die auf Teilhabe an der Gestaltung von Lebenswelten baut, an der Qualifizierung aller Akteure arbeitet, neue Wege der Finanzierung sucht und planungsoffen und prozessual vorgeht! Wir gehen davon aus, dass Stadtraum ein produktiver und gestaltbarer Raum ist, in dem Entwicklungsprozesse von Gesellschaft initiiert und gestaltet werden und der deswegen nicht dem kurzsichtigen Gewinnstreben einzelner Akteure überlassen werden darf.

…UND PRAXIS!
Die Aktivitäten des »salon des belles utopistes« sind bisher immer mit einer langjährigen Präsenz in einem begrenzten Stadtgebiet oder Stadtteil verbunden gewesen. Sie entstehen aus der genauen Beobachtung der spezifischen baulichen und sozialen Situation und dem Untersuchen von dialogischen Situationen und Begegnungen. Spannend wird es dann, wenn es zu einem Überspringen des individuellen hin zum gemeinschaftlichen Handeln kommt. Da spielen plötzlich ganz andere Akteure eine Rolle, wie z.B. Interessengemeinschaften, selbst organisierte Gruppen und gute Nachbarschaften, die mit den üblichen Instrumenten der Stadtplanung kaum ansprechbar sind

Den Beispielen der Selbstorganisation, des gemeinschaftliche Handelns und der alltäglichen Kontakte gilt es nachzuspüren. Damit kann den Sachzwängen der Stadtplanung (z. B. Termindruck und dadurch vorschnelle Festlegung auf unbefriedigende Lösungen) eine Strategie entgegen gesetzt werden, die Realität und Möglichkeiten des langsamen Wachsens, das Auf und Ab von Selbstorganisation, das Verhandeln, aber auch Gegensätzlichkeiten und Interessenskonflikte als gültige Handlungskonzepte begreift. Das Interesse des »salon des belles utopistes« richtet sich auf die positive Integration von Vielfalt und Kontroverse und die Öffnung für Neues, verstanden als eine Kunst des Öffentlichen.

Und wie funktioniert das in der Praxis? In der Kooperation von Künstler/innen und im Stadtteil aktiven Initiativen und Gruppen schärft sich der jeweils eigene Blick für die Situation, für die Arbeit der Gruppen und die Herangehensweisen der Kunst. In einem gemeinsamen Prozess können Möglichkeiten diskutiert und eine gegenseitige Befähigung eingeleitet werden, um dann zusammen, z.B. mit einem künstlerischen Projekt, an die Öffentlichkeit zu gehen. In solchen Kooperationen können die Möglichkeiten der Selbstermächtigung durch gemeinschaftliches Handeln ausgelotet werden, weil der ganze Prozess darauf abzielt, ein Produkt zu entwickeln, das von Beginn an am Interesse der Gruppe orientiert ist. Die Kunst wird in diesem Fall Motor eines Prozesses, aber nicht Moderator. Als Künstler/in die Moderation eines Planungsprozesses zu übernehmen, hieße, die Eigenständigkeit der Kunst aufzugeben, die Konflikte nicht vermeiden muss, sondern als Mittel und Antrieb des Handelns und des demokratischen Prozesses begreifen kann.

Unsere Arbeit im »salon des belles utopistes« beschäftigt sich mit Fragen der Integration und der sozialen Beteiligung in Stadtentwicklungsprozessen. Da geht es ganz direkt um die Wahrnehmung vorhandener Qualitäten und Potentiale eines Stadtquartiers. Wie können die besonderen Konstellationen aus räumlichen und sozialen Qualitäten – sozusagen die Mikrobiotope des Urbanen, die Lebensqualität wesentlich ausmachen – den üblichen Gentrifizierungsmustern entkommen und als eigenständige Standortfaktoren auch von Stadtentwicklern wahrgenommen werden? Innerhalb städtischer Planung könnte die grundsätzliche Akzeptanz des Vorhandenseins unterschiedlicher sozialer Schichten dem Aufwertungswunsch von Stadtentwicklung ein weiteres Ziel hinzufügen: Entwicklungschancen für alle! Gentrifizierung verliert den negativen Beiklang, wenn es bedeutet, dass alle im Stadtteil davon profitieren können und nicht zu Gunsten weniger viele verdrängt werden. Wie sich künstlerisches Handeln in Kooperation mit den Interessen der »Beplanten« im Stadtteil aktiv in soziale und kulturelle Möglichkeitsräume verwandeln lässt, das ist das Interesse und das Aktionsfeld des »salon des belles utopistes«.

pdf oben
drucken fenster schliessen