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Juni 2011
Das Andauern des Temporären
in: »Temporäre Stadt an besonderen Orten«
Hrsg.: Projektteam Temporäre Stadt an besonderen Orten 2008-10
TU Dortmund, Fakultät Raumplanung


Dortmunder U


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DAS ANDAUERN DES TEMPORÄREN

DER TURM
Es habe alle sehr betroffen gemacht, sagte die Stimme im Radio. Die Nachricht, ebenso überraschend wie unglaublich, sei am frühen Morgen über den Ticker gelaufen und es seien auch schon erste Reaktionen eingetroffen. Die Menschen würden sehr emotional reagieren, denn niemand könne sich die Stadt ohne Turm vorstellen. Aber die Fundamente seien angegriffen und nahezu das gesamte stählerne Fachwerk von Korrosion betroffen. Wasser – der größte Feind eines jeden Bauwerks – sei eingedrungen, Rost blühe auf den Armierungseisen und die ständigen Erschütterungen durch die nachträglich eingebauten Aufzüge, das alles sei für eine – im Verhältnis zu ihrer Höhe – ja außerordentlich leichte Stahlkonstruktion auf Dauer eben doch sehr schädlich. Man gehe davon aus, dass der gesamte Turm niedergelegt werden müsse. Stück für Stück würden alle 18.038 Teile herausgelöst, nummeriert und in einer ausschließlich dafür neu aufgestellten Werkhalle gelagert und überarbeitet. Das eine oder andere müsse ausgetauscht werden, so viel könne man jetzt schon sagen – Materialermüdung, das bleibe eben nicht aus nach so langer Zeit. Der Turm würde nicht mehr derselbe sein, wenn er in drei Jahren, rechtzeitig zum 125. Jahrestag seiner Eröffnung, wieder aufgerichtet sein werde.

Experten schätzten die Situation im Moment nicht als akut gefährlich ein, sagte die Radio-Stimme. Allerdings sei es unabdingbar, nunmehr entschieden vorzugehen, denn ein größeres Unglück, womöglich binnen Jahresfrist, werde immer wahrscheinlicher. Schließlich sei der Turm nicht darauf ausgelegt gewesen, länger als 20 Jahre stehen zu bleiben und stehe nun schon seit über 100 Jahren. Es sei ein Experiment gewesen. Man habe der Welt zeigen wollen, wozu die aufstrebende Stahl- und Eisenindustrie des Landes fähig war, und das sei ja außerordentlich gut gelungen. Obwohl es damals schon entschiedene Proteste gegeben habe. Unfassbar hässlich sei der Turm, hätte es geheißen. Das Stadtbild würde er verschandeln und der Umgebung nicht den notwendigen Respekt erweisen. Der Verzicht auf eine Fassade und die Offenlegung der tragenden Konstruktion, das sei eben gewöhnungsbedürftig gewesen, auch ästhetisch. Der Baumeister, wohl gemerkt ein Ingenieur und kein Architekt, sei deswegen heftigen Angriffen ausgesetzt gewesen. Die alte Kontroverse lebte nun wieder auf. Es gebe bereits Stimmen, die den Wiederaufbau in Frage stellten. Es sei doch keineswegs eine ausgemachte Sache, so die Kritiker, dass dieses Monstrum für weitere 125 Jahre das Stadtbild beherrschen solle. Auch die Kosten seiner Wiederherstellung seien angesichts der komplizierten Haushaltslage und der globalen Finanzkrise kaum zu rechtfertigen.

Aktuell liefe in der Stadt eine Meinungsumfrage, meldete die Stimme. Die Passanten würden mit der bevorstehenden Zerlegung konfrontiert. Manche der Befragten seien in Tränen ausgebrochen und könnten sich das Leben ohne den Turm überhaupt nicht vorstellen. Die Orientierung würde fehlen und die Touristen würden ausbleiben. Bis zu seiner Wiedereröffnung im Jahr 2014 bliebe die Silhouette der Stadt unvollständig. Der Verlust wäre unerträglich, als würde man ihr das Herz herausreißen. Eine ganz besondere Ansicht, die sich allein auf der obersten Besucherplattform nahe der Turmspitze böte, würde verschwinden. Der Blick von oben auf den Park und das Flussufer, auf die herandrängende graugrünlich getreppte Dachlandschaft, durchzogen von schnurgeraden Boulevards, in der Ferne dunstig verschwommen die Hochhäuser der Außenbezirke – dieser Anblick sei es, der den Menschen seit Generationen diese Stadt in Erinnerung bringe. Allein deswegen müsse der Turm wiederhergestellt werden, damit dem Bild der Stadt nicht ausgerechnet an dieser Stelle ein leerer Fleck eingefügt würde.

Erst am zweiten April fällt mir ein, warum das Andauern des Temporären auch diesmal nicht unterbrochen werden wird.


DAS HAUS
Es ist schwierig, sich für einen Ort zu entscheiden, wenn man sich nicht auskennt. Das Café an der linken Platzkante scheint mir sympathischer als das auf der gegenüberliegenden Straßenseite, weil mich der Schriftzug über seinem Eingang an einen Film erinnert, der lange Zeit mein Lieblingsfilm war. Es geht darin um zwei Männer, die ständig mit der Ankunft ihres Anführers drohen, der aber nie kommt.

Heute ist es besonders warm und ich bin falsch angezogen. Die im Wetterbericht angekündigten 23 Grad habe ich mir kälter vorgestellt. Die Sommersachen sind also zu Hause geblieben und ich muss zwei heiße Tage in langen Hosen und Pullover aushalten. Die Menschen auf den Straßen tragen T-Shirts und knappe Tops, flattrige Röckchen, kurze Hosen, schlurfige Latschen und stöckelhohe Riemchensandalen. Die Stadt klingt anders. Die schweren Tritte des soliden Winterschuhwerks sind Vergangenheit. Jetzt schleifen weiche Sohlen, die locker unter nackten Füßen hängen, über das Pflaster und klackernde Absätze hacken sinnlose Morsezeichen in die Bürgersteige. Die Fassade gegenüber leuchtet im zart orange getönten Abendlicht. Der Himmel darüber ist sattblau. Salat und Lammspieße, das klingt doch gut, und roter Rioja Wein dazu. Im Abendblatt wird erklärt, wie Hedgefonds im großen Stil städtische Wohn-Immobilien aufkaufen und Gewinne herauspressen. Notwendige Reparaturen werden so lange verschleppt, bis alles völlig heruntergekommen ist. Der vitaminreiche Saft fließt ins Glas der Investoren, der ausgelutschte Rest landet in der Tonne der kommunalen Verantwortung. Achtung: Orangenschalen gehören nicht auf den Kompost!

Das Haus gegenüber ist hellgelb gestrichen, die Verzierungen an der Fassade in schaumigem Weiß, wie aufgespritzte Schlagsahne. Ein bisschen Klassizismus, ein bisschen Romantik und Barock – durchaus ehrgeizig wirkt diese Auswahl aus den Musterbüchern gründerzeitlicher Schmuckelemente. Der historische Bezug bleibt reine Formsache, mehr ist besser als weniger. Das reich gewordene Bürgertum zeigte sich der Straße. Im Vertrauen auf die eigene Stärke und Durchsetzungsfähigkeit baute es auf bewährte Traditionen und Werte. Nun kleben klassizistische Miniatur-Giebel und Karyatiden, die mit verkniffenem Blick sahnige Fensterstürze in die Höhe stemmen, als Karikaturen des ewig dauernden Tragens und Lastens griechischer Säulenportikusse nebeneinander an einer puddingfarbenen Wand. Der Fassadenschmuck als Signalement seriös erworbenen Reichtums und solider Geschäftsführung des Bauherren wird von den Wänden gewischt, sobald der praktische Verstand seiner Erben nach einer unkomplizierten Instandsetzung oder einer kostensparenden Wärmedämmung verlangt.

Eine Wohnung gibt dem In-der-Welt-Sein dauerhaft einen vom Öffentlichen getrennten und vor ihm geschützten Ort. Je weiter sich der Eigentümer eines Mietshauses vom Standort seines Eigentums entfernt, desto eher wird er geneigt sein, es zu verbrauchen, zum Beispiel als Objekt kurzfristiger Geldanlagen. Der Mühe der andauernden Instandhaltung wird er sich nur dann aussetzen, wenn das eigene Dasein an den Gebrauch seiner Immobilie gebunden ist. Der Artikel im Abendblatt beschreibt die Hilflosigkeit der Mieter, die ohne jede Chance Verantwortung einklagen, weil ihr Vermieter ein Unternehmen ist, das Wohnungen nicht als Daseins-Orte beschreibt, sondern als eine Zahlenkombination aus Quadratmetern, Nebenkosten, Mieteinnahmen und Gewinnmargen. Wie lange dauert es, bis der Schimmelpilz die apfelgrüne Schlafzimmerwand in ein pelzig schwarzes Rechteck umgearbeitet hat? Der Mieter G. aus W. wird diese Frage irgendwann beantworten können.

In den Fenstern auf der anderen Straßenseite gehen Lichter an. Oben unter der Dachrinne flackert das kalte Leuchten eines Bildschirms hinter der Scheibe. Der klare Himmel hat seinen hellen Schwung verloren. Die Konturen der Häuser lösen sich in dämmrigem Graublau auf, das mittlerweile über dem Platz und in den Straßen hängt. Glühbirnengelbe Fensterreihen treiben darin herum. Der Gastraum des Cafés spiegelt sich im dunklen Schaufenster neben mir und das Interieur scheint in die gegenüberliegende Hauswand hineinzuwachsen. Ich stelle mir die Frage, wie hochrechteckige Fenster klingen würden, wenn man sie hören könnte: eher tief und düster, vielleicht röhrend monoton? Die quer liegenden Doppelquadrate des Nachbarhauses schlagen sicher höhere Töne an. Der Klang der ganzen Stadt, die ständig neu errechnete Summe all ihrer Momente, ist ein untergründiges Rumoren, kaum Schwankungen, nachts klingt es räumlicher als tagsüber. Dann könnte man meinen, sie sei stehengeblieben und würde wie ein überfressener Haushund in seinem Korb, vom eigenen Gewicht auf das Kissen gedrückt, zur Ruhe kommen. Dabei zeigt dieses leise dröhnende Rauschen an, dass die Stadt in dauernder Veränderung verharrt.


EPILOG:
»Heute«1 kommt weg, so heißt es in den Nachrichten. Fünf Jahre stand es am Rand der Landstraße. Jetzt ist es Zeit, an das Morgen zu denken. Die haushohen Betonbuchstaben werden abgerissen, der Künstler hat es so bestimmt und so wird es gemacht. Die Menschen im Landkreis fragen nicht mehr nach Sinn und Unsinn oder den Baukosten und den Steuergeldern. Sie hängen an ihrem Heute, sie hatten Zeit, sich daran zu gewöhnen. In unzähligen Fotoalben der Gegend finden sich unzählige Bilder von Hochzeitspaaren, die, vom Heute aus gesehen, erst gestern lächelnd davor posierten. Sie werden sich daran gewöhnen, die zukünftige Leere wieder als Landschaft zu lesen.



Die dreibändige Projektdokumentation »Temporäre Stadt an besonderen Orten« kann unter der Veröffentlichungsnummer SB 141 kostenlos und versandkostenfrei bestellt werden. Dazu ein Fax oder eine E-Mail an folgende Adresse senden:

GWN Gemeinnützige Werkstätten Neuss GmbH
Schriftenversand
Am Henselsgraben 3
D-41470 Neuss
Fax: +49 (0) 2131 924699
E-Mail: mbv@gwn-neuss.de

Fußnoten
1. »Heute«, Intervention von Christian Hasucha an der Landstraße 581, Münsterland Biennale Kreis Borken, 2005 (zurück)
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