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Januar 2012
Über das Einrichten unerwarteter Abzweigungen
in: »Kunst einer anderen Stadt«, jovis, Berlin 2012
Ute Vorkoeper / Andrea Knobloch (Hg.)
Akademie einer anderen Stadt
Kunstplattform der IBA Hamburg von 2009 bis 2011


Kunst einer anderen Stadt, Cover


ÜBER DAS EINRICHTEN UNERWARTETER ABZWEIGUNGEN

»Wenn ich immer hier wär, könnt ich nur an hier denken«1


04-07-2010, MESZ 19:53 Uhr, Buslinie 13 zwischen Wilhelmsburg und Veddel
Seit heute hat der meterhohe und stacheldrahtbewehrte Zollzaun auf dem Deich am Veddeler Spreehafen ein Loch. Eigentlich sind es zwei. Und eigentlich sind es keine Löcher, sondern Tore. Sie öffnen diese Grenze, die beide Stadtteile – zwei Inseln zwischen Norder- und Süderelbe – vom Wasser trennt. Eine Schnittkante hat der Zaun schon länger2. Seit September 2009 reihen sich mit weißer Farbe auf das waffelförmig geprägte Gitter gemalte, meterlange und farbrollenbreite Balken aneinander; auf und ab hüpfend und unregelmäßig unterbrochen durch ebenso weiße, riesenhafte und weit geöffnete Schneiderscheren. Eines Tages wurde die Spur auf dem Zaun zwischen S-Bahnhof Veddel und der Haltestelle Werkhof bemerkt. Niemand weiß, ob sie am selben Tag gelegt wurde oder schon länger da war. Seitdem fährt man im Bus auf diesem Streckenabschnitt an einem hängen gebliebenen Filmstreifen vorbei. Irgendwann läuft die letzte Vorstellung, weil sich die Farbspur und das rostig angegraute Weiß des Zaungitters nicht mehr unterscheiden lassen. Bis dahin fasst die Schnittkante den im Stadtteil seit Jahren vergeblich vorgetragenen Wunsch nach freiem Zugang zum Spreehafen-Ufer in das treffende Bild einer angekündigten Grenzüberschreitung. Ein auf den Zaun projizierter Plan, der ausgeführt werden muss, um das inselhafte Eingeschlossensein endlich abzulegen.

20-01-2011, MEZ 23:43 Uhr, IC zwischen Hamburg und Düsseldorf
Das Geräusch rollender Kofferräder, die den Rhythmus der Pflasterung in ein hektisches und ein wenig eintöniges Schlagzeugsolo übersetzen, begleitet den Pendleralltag. Alle Eile war umsonst, der Zug fährt mit 15 Minuten Verspätung ab. »… wegen Verzögerungen im Betriebsablauf. Wir bitten um Entschuldigung«. Das Wageninnere ist ein hell beleuchtetes Wartezimmer zwischen zwei einander gegenüberliegenden Fensterreihen, an denen Landschaften und Stadtansichten vorbeiziehen. Seit mehr als zwei Jahren fahre ich nahezu jede Woche in solchen Zimmern zwischen Wohnung (Düsseldorf) und Arbeitsplatz (Hamburg) hin und her. Über die Stationen dazwischen (Duisburg, Essen, Bochum, Dortmund, Münster, Osnabrück, Bremen) berichten die in den Gepäckablagen liegen gebliebenen Tageszeitungen.

Dem von woanders mitgebrachten Blick fügt sich das Wahrgenommene nicht unmittelbar zu einer Übersicht. Das Detail bleibt lange Anlass für Spekulationen über die Gestalt eines noch nicht entzifferbaren Ganzen. Die Unbekümmertheit des Außenseiters reizt den mit Ortskenntnissen bewaffneten Einheimischen dazu, Besonderheiten und Problemlagen hervorzukehren, die sich vermeintlich nur ihm erschließen. Damit nimmt er dem Gast die Illusionen und verweist dessen Wahrnehmungen in den Bannkreis des Unwesentlichen. Die so genannte »Außenperspektive« ist wegen ihres neugierigen Interesses für das Alltägliche mehr als eine Floskel, die erfunden wurde, um das in seinen Gewohnheiten festgetrocknete »Lokale« aufzuweichen. Sie bringt den Alltag, die alltäglichen Handlungsweisen, Gestaltungen und Raumkonstruktionen überhaupt erst in die Sichtbarkeit zurück, aus der sie der routinierte Nutzer verdrängt hat.

Eigentlich sollte ich arbeiten, anstatt das Fenster zu hypnotisieren, hinter dem eine unruhige Schwärze vorbei saust. Zwei Jahre »Akademie einer anderen Stadt« auf den Elbinseln sind zu überblicken und in einem Text von 20.000 Zeichen unterzubringen – was mir völlig unmöglich erscheint. An Konzentration ist nicht zu denken. Die Verbindungstür direkt hinter meinem Sitz ist defekt und schließt nicht mehr automatisch. Das metallisch-körnige, sehr laute Rattern des fahrenden Waggons bricht beständig in den Fahrgastraum ein …

Die im Jahr 2009 für die »Wandernde Akademie«3 hergerichteten Fahrräder aus zweiter und dritter Hand erzeugten unglaubliche Geräusche. Die mit jeweils zwei randvoll gefüllten Metallkisten beladenen Anhänger ließen sich aus dem Stand kaum vom Fleck bewegen. Erst anschieben und dann mit vollem Körpergewicht in die Pedale steigen, dabei entstand jedes Mal ein beinahe orchestrales Quietschen, Schnurren, klockendes Klappern und blechernes Scheppern. Womöglich hat uns dieser Sound auf unseren Wegen durch Wilhelmsburg und über die Veddel mehr Aufmerksamkeit eingetragen als der knallige, orangerote Anstrich unseres Fuhrparks ...

Die Wendeltreppe an der S-Bahn Station Wilhelmsburg führt von der Fußgängerzone der Bahnhofspassage direkt zum Parkhausdeck auf dem Marktkauf-Gebäude. Ihre Geländerspirale ist eine dankbare Vorrichtung für eine Raumkonstruktion, die mit anderen Mitteln fortsetzt, was schon da ist und damit den gebauten Plan um eine bisher unentdeckte Variante seiner Ausgestaltung ergänzt. Entlang des Geländers und zwischen Laternenmast und Parkhausdach spannten wir fächerförmig die mitgebrachten grellbunten Gurtbänder und durchkreuzten damit die Wege, die jeden Tag in das Schachbrett der grauweißen Bodenplatten hinein getreten werden. Das in Vorgefundenes eingehängte Linienbauwerk der »Wandernden Akademie« hielt sich mit Gegengewichten am Boden und blieb an jeder Station im Unfertigen stecken, weil immer zu wenige Haltepunkte zum Festzurren der losen Enden zu finden waren.

Der Standort in Wilhelmsburg war gut gewählt. Auf dem Vorplatz vor der Bahnhofspassage kreuzt sich die Verbindung von Busbahnhof und Berta-Kröger-Platz mit der Achse zwischen S-Bahnhof und Marktkauf. Am Mittwoch ist Markttag und überall lebhafter Betrieb. Sobald wir4 anhielten, die Fahrräder abstellten und die vier Metallboxen abluden, verschoben sich um uns herum die Raumkoordinaten. Direkte Verbindungslinien wurden verstellt und zirkelten sich fortan durch unsere auf dem Platz verteilte Ausrüstung. Die weiße Plane mit dem Schriftzug »Mitwisser gesucht« gab dem verstreuten Mobiliar eine Richtung. Das raumgreifende Gewebe aus farbigen Bändern, die orangeroten Fahrräder, das Wort »Akademie«, alles provozierte zum Stehenbleiben und Nachfragen.

Den ganzen Tag lang mit so vielen, ganz und gar unterschiedlichen Menschen in einer derart offenen Situation ohne Rückzugsmöglichkeit zu sprechen, ist eine Herausforderung. Das Miteinander-Sprechen war hier ein öffentliches, denn es geschah vor den Augen und Ohren der Passanten und konnte jederzeit von ihnen unterbrochen werden. Handelten die Gespräche von sehr persönlichen Erfahrungen, entstand ein Zwiespalt zwischen offenbarenden Mitteilungen und der ungeschützten Situation, in der sie ausgesprochen wurden. Die spürbare Anstrengung lag wohl im Aushalten der eigenen Gefühle und Gedanken, die von jedem Gesprächspartner anders berührt wurden – und in der Unsicherheit darüber, welche Erwartungen wir mit unserem Auftritt weckten, wie wir respektvoll und angemessen annehmen konnten, was uns aus einem fremden Leben berichtet wurde. Die »Wandernde Akademie« erfand sich öffentlich als vollkommen ungewöhnliche und ungewohnte Außenstelle einer Institution, die zwar »Akademie einer anderen Stadt« heißt, aber offensichtlich gerade in diesem Moment und an diesem Ort angesprochen war.

28-03-2011, MEZ 6:14 Uhr, im IC zwischen Düsseldorf und Hamburg
Die zu überbrückende Zeit des Wartens auf den Moment des Eintreffens am Zielort dehnt sich aus und wird räumlich. Man richtet sich in ihr ein und entwickelt Gewohnheiten. Das Dazwischen gewinnt den Charakter eines Ortes mit einer eigenen Adresse, losgelöst aus dem Koordinatennetz der durchfahrenen Landschaften, die zu Illustrationen der Reisezeit werden. Erst im Moment der Ankunft und des Anhaltens treffen Aufenthaltsort und seine Lokalisierbarkeit als Kreuzungspunkt zweier Koordinaten wieder aufeinander. Während der Fahrt wandern die Gedanken und entwerfen eine Landkarte, auf der das dort Gewesensein ebenso verzeichnet ist wie noch nie erreichte Reiseziele. Sobald das Mobiltelefon klingelt, springt abrupt der momentane physische Aufenthaltsort zurück auf die Szene: »Ich bin im Zug!« – Funklöcher sind ideale Gegenden für imaginäre Reisen.

17-07-2009, MESZ 18:32 Uhr, Stübenplatz, Hamburg-Wilhelmsburg, Reiherstiegviertel
Der Stübenplatz im Wilhelmsburger Reiherstiegviertel scheint in eine Zeitschleife eingebunden zu sein. Ein behäbiges Sich-Selbst-Umkreisen, aus dem es außer an Markttagen kein Entrinnen gibt. Er ist rechteckig, an drei Seiten von Wohnblocks und einigen wenigen zuckrigen Gründerzeitfassaden umstellt. Eine Platzkante öffnet sich gegen den dahinter liegenden Grünraum. Hier steht das Deichhaus, ein niedriges bäuerliches Wohnhaus, heute Sitz einer Arbeitslosen-Initiative und der Wilhelmsburger Tafel. Die Pflasterung aus Betonsteinen reicht bis an die Hauptstraße, wo die Bushaltestellen sind und eine weit ausholende Überdachung errichtet wurde: dunkelblau gestrichene, hoch aufragende Säulen tragen die schwungvoll wogende Decke, deren wuchtige Ausdehnung nicht so ganz zur beinahe dörflichen, in sich gekehrten Atmosphäre des Viertels passen will. Ansonsten gibt es noch eine Baumgruppe mit holzbeplankten, aus rotem Backstein gemauerten Bänken. Hier treffen sich nachmittags die Alten, sitzen im Schatten und verstreuen die Schalen der mitgebrachten Sonnenblumenkerne auf dem staubigen Boden. Und jeden Nachmittag ab halb zwei Uhr sind die Kinder auf dem Platz.

In dieser abwechslungslosen Umgebung ist die »Wandernde Akademie« eine Sensation! Die ausholende Geste der zwischen Pfeilern und Pfosten verspannten Gurtbänder lockt besonders die Jungs. Coole Anführer und großmäulige Möchtegerne, mit den kleineren Geschwistern im Schlepptau, umkreisen uns zunächst, um dann näher zu kommen und zu prüfen, was hier zu holen ist. Einer, ungefähr neun Jahre alt, lässt nicht locker: Er will selbst Gurtbänder spannen, hat aber keine Sprache für sein Anliegen. In seinem rundlichen Gesicht strahlen eindringliche Augen. Ziehen am Ärmel und kehlige Töne, die dem lächelnden Mund entweichen, sind seine Art der Verständigung. Unseren wunden Punkt hat er schnell entdeckt: Die Leiter, auf die er ständig klettern will und die Gefahr, dass er herunterfällt, bringen uns dazu, ihm bei seiner »Arbeit« zu assistieren. Er bleibt den ganzen Nachmittag und hilft abends beim Aufrollen und Einräumen der Gurte. Er kann seinen Namen nicht sagen und auch sonst ist sein Vokabular beschränkt auf gestische und mimische Andeutungen wie Weglaufen und schnelles hüpfendes Annähern, sich Wegdrehen, das Gesicht verziehen, mit Armen, Händen und Fingern Figuren in die Luft zeichnen. Wir glauben, dass er unsere Worte versteht. Er lächelt freundlich, wenn wir ihn ansprechen. Seine stillen Antworten sind in seinen Augen und ein Nachmittag ist zu kurz, um seine Sprache zu erlernen.

22-04-2011, MEZ 19:17, IC zwischen Hamburg und Düsseldorf
Kurz vor Dortmund überschaut man vom Zugfenster aus rostbraun bestäubte Industriehallen und Lagerplätze mit pittoresken Versammlungen aus Material, Werkzeug, Installationsteilen und Maschinen, die seit Jahrzehnten bewegungslos verharren. Die Streckenführung der Achse Norddeutschland–Rheinland schneidet sich durch die Hinterhöfe der Ruhrgebietsmetropolen, bevor sie die von den Türmen der Unternehmenszentralen eingekesselten Bahnhöfe erreicht. Hochmütig wird dem Gast hier weltumspannende Betriebsamkeit vorgeführt. Der Eindruck verliert sich schnell angesichts der erstarrten Industrieruinen an den Rändern dieser Städte.

Das ehemalige Verwaltungsgebäude der Firma Merkel am Veringkanal hat einen Spitznamen. In Wilhelmsburg wird es »Kubi Center« genannt, nach Birol Kurt, dem Eigentümer der Kurt Verwaltungs GmbH. Wie ein »Center« sah es schon im Jahr 2006 nicht aus, als ich es zum ersten Mal besichtigen konnte. Kurts Vision, an dieser Stelle ein Einkaufs- und Erlebniszentrum einzurichten, war bereits ein Jahr zuvor gescheitert, weil sich kein Investor davon überzeugen ließ, dass ausgerechnet hier, am vergifteten Industriekanal und in einem Viertel, das die Hamburger Stadtregierung als »multiple Problemlage« verhandelt, hinreichende Profite herauszupressen wären.

Orte haben eine »Aura«. Wenn sie aus dem fortlaufenden Nacheinander der Nutzungen in die um sich selbst kreisende Zeit natürlicher Prozesse zurückfallen, weil sie nicht mehr instand gehalten oder ganz und gar aufgegeben wurden, dann spürt man eine dichte Stille, in der alle vergangenen Momente geborgen sind. Die Unermesslichkeit all dieser Momente lagert wie ein schwerer und verdichteter Materialklumpen auf dem Grund solcher Orte. Das Gravitationsfeld darum herum ist ihre Aura.

Die Aura des Kubi-Center roch streng nach ranzigem Hammelfett und moderndem Mauerwerk, als wir es im Frühjahr 2009 für unsere Ausstellung »Zeichen von Respekt« entdeckten. Unmöglich, das Erdgeschoss zu betreten, so dicht hing trotz des nun schon Jahre andauernden Leerstands der Dunst abgestandener Feierlaune im ehemaligen Hochzeitssaal. Die Angestellten der Firma Merkel werden die mit rotem Filzteppich ausgelegten Flure auf dem Weg zwischen Haupteingang und ihrem Schreibtisch stets mit schnellem Schritt durchmessen haben. Vermutlich hingen an den Wänden der Gänge und in den Büros Kalender oder Fotografien von unfassbar blauen Himmeln über mit Palmen bestandenen Inseln in fernen, ebenso blauen Meeren und auf den Fensterbänken standen in geschlossenen Reihen leicht angestaubte Topfpflanzen. Ein Ort der immergleichen Wege und Abläufe und der Werktage, die zugebracht werden, um einmal im Jahr den azurblauen Urlaubsträumen hinterher zu reisen.

Die nächsten Nutzer, Kleinunternehmer, Kulturvereine, der Betreiber des Hochzeitssaals und die Gemeinde des »House of Glory« im ersten Stock haben den ausgeräumten Verwaltungsalltag neuerlich aufgebrochen, indem sie einzelne Räume heraustrennten und Abstellkammern, Bühnenböden, Bartresen, Spiegelflächen und eine Fototapete hinzufügten, die einen großbürgerlichen Wintergarten der Jahrhundertwende zeigt, vollgestellt mit exotischen Gewächsen aus fernen Gegenden. Die sich vom Boden bis zur Decke streckenden gläsernen Durchbrüche, durch die Tageslicht in die Flure fällt, waren bald mit opaken Folien beklebt, um dahinter ungestört den Austausch von religiösen Überzeugungen oder Handelswaren zweifelhafter Herkunft zu organisieren.

Für die Ausstellung »Zeichen von Respekt« wurden verschlossene Verbindungstüren geöffnet, die Transparenz der Glasflächen wieder hergestellt und in den beiden oberen Stockwerken eine schleifenförmige Passage eingerichtet, die zum Kreuzen der Längsachsen der Flure und zum Durchkreisen der anliegenden Zimmer verleiten wollte. Im Alltag überlässt man sich solchen zunächst unbestimmten Anziehungskräften nicht. Die kürzeste Verbindung zwischen zwei Punkten wird gesucht und, ist sie einmal gefunden, beständig wiederholt. Das Abweichen vom Gewohnten wird als Umweg und damit als überflüssig wahrgenommen.

Den im Kubi-Center vorgefundenen Gängen, Zimmern, Kammern und Sälen wurde durch das Einrichten der Kunstwerke, Installationen und Projektionen eine jeweils besondere und einzigartige Raumqualität abgewonnen. Deren Anziehungskraft forderte zum Verlassen des geraden Wegs auf und jeder Durchgang erzeugte eine andere Sicht auf die in der Ausstellung aufgeworfenen Fragen nach den Möglichkeiten des Dialogs, des Einfühlens und Mitteilens, aber auch der Konfrontation und Herausforderung, um Sprachbarrieren und unhinterfragte Vorurteile zu überwinden. Das Raumprogramm des ehemaligen Verwaltungsgebäudes wurde dafür baulich kaum verändert, stattdessen wurde es mit Anlässen für Umwege gefüllt.

02-09-2010, MESZ 9:54 Uhr, Hamburg-Veddel, S-Bahnstation, Bahnsteig
Auf der Plakatwand am Bahnsteig, da, wo all die Tage zuvor großspurige Werbewelten die kärgliche Funktionsarchitektur der S-Bahnstation Veddel belächelt hatten, da breitet sich heute ein ungewohnt filigranes Gewebe aus Linien mit darin eingebetteten, zurückhaltend farbigen Akzenten aus. Auf den vielen kleinformatigen, schneeweißen Papieren, neben- und untereinander tapeziert, verflechten sich aufgedruckte Bleistiftspuren zu einladenden, auffordernden, wegweisenden Satzfragmenten5. Leere Versprechungen (»Fisch macht sexy«) wechseln sich ab mit halbseidenen Angeboten (»Kaufe Zahngold«) und flotten Orientierungshilfen (»For Those About To Rock!«). Die Plakatwand auf dem Bahnsteig, angefüllt mit Notizen aus der Normalität städtischer Verständigungen, ist ein Leitfaden zur Umwegung dessen, was ins Auge springt, hin zu dem, was stets auf den zweiten Blick warten muss.

24-06-2011, MESZ 21:33, Hamburg-Veddel, S-Bahnstation, Bahnsteig
Heute ist Freitag – Ausgehtag. Die Sonne ist schon hinter dem ausgefransten Rand des Hafenhorizonts verschwunden, treibt dort aber ein furioses Farbenspiel. Violett in allen Schattierungen übergehend in tiefes Nachtblau, dazwischen treiben wolkenweiche, feurige Schlieren und ein strahlendes Orange hinterleuchtet die scharf gestellten Schattenrisse der Kräne, Brücken und unordentlich gezogenen Notenlinien der Stromkabel. Der nicht enden wollende Krach des durchfahrenden, ewig langen Güterzugs gräbt sich durch die Abendstimmung. – Gegenüber, auf der anderen Seite der Elbe an den Landungsbrücken, gucken Touristen durch das Münzfernrohr auf die Veddel und wissen nicht, was sie sehen.

Die S-Bahn Linie 3 verbindet beide Elbseiten und schafft einen Zusammenhang zwischen Orten, denen der Adresszusatz »S-Bahnhof« beigegeben wurde. Das dunkelviolette Band auf dem Streckenplan des Hamburger Verkehrsverbunds fädelt Stationen auf und ist zunächst nichts weiter als ein Versprechen, die Bereitstellung der Möglichkeit einzusteigen und einander zu begegnen oder die gewohnten Wege zu verlassen. Beim Aussteigen an einer immer erreichbaren, aber zuvor nie besuchten Station verliert sich die in den täglich durchquerten städtischen Räumen aufgehobene Ordnung. Sich orientieren heißt, Sicherheit über den momentanen Aufenthaltsort dadurch zurückzugewinnen, dass man eine topografische oder inhaltliche Beziehung zu bekannten Orten und Ordnungen herstellt.
Es sind im Verhältnis zur Gesamtfläche einer Stadt verschwindend kleine Fragmente, aus denen sich die bekannte, alltäglich genutzte Umgebung zusammensetzt. So gesehen sind Städte die Summe sämtlicher von den in ihr Umherwandernden und sie Bewohnenden täglich neu und anders erzeugten Geflechte aus Orten und den Wegen dazwischen. Städter/-innen versichern sich „ihrer“ Stadt, in der sie immer nur an einem einzigen Punkt physisch anwesend sein können, indem sie über die alltäglich aufgesuchten Orte berichten. Dabei wird selten die Beschaffenheit der Orte und Räume an sich beschrieben. Anlass für Erzählungen über den Teil der Stadt, den man selbst belebt, sind Ereignisse, mit denen nicht zu rechnen war und die sich nicht in die bekannten oder erwünschten Ordnungen fügen.

30-09-2010, MESZ 15:33 Uhr, Müggenburger Zollhafen, Hamburg-Wilhelmsburg
1400 Discokugeln schwimmen im Halbschatten der Autobahnbrücke und werfen kleine Lichtblitze gegen die Unterseite der Fahrbahn6. Auf dem jetzt in der Sonne glitzernden Wasser gruppieren sich die Kugeln zu schwankenden Verbänden, die flimmernd und strahlend der an diesem Ort fest gefügten Rationalität der Industrie- und Gewerbebauwerke einen mutwilligen Gedankenstrich aufzwingen. Jede einzelne Spiegelscheibe zeigt einen anderen, sich im Auf und Ab der Wellen dauernd verschiebenden, winzigen Ausschnitt der Umgebung. Im Hafengebiet ist Wasser kein Wasser, sondern eine Straße, Teil der Infrastruktur eines internationalen Seehafens, die auf unbedingte Vermeidung von Sicherheitsrisiken ausgelegt ist und aus der mit einigem Aufwand Unberechenbares vertrieben wird. Die Kugeln reflektieren eine zersplitterte Version der geordneten Verhältnisse und werfen damit um sich, solange die Sonne scheint. Nachts und bei bedecktem Himmel kann man sie kaum entdecken, so wenig unterscheiden sie sich dann vom Schattenspiel auf der Wasseroberfläche.

03-05-2011, MEZ 9:58 Uhr, S-Bahn, zwischen Harburg und Altona
Die Fahrt mit der S-Bahnlinie 3 von Harburg über Wilhelmsburg, Veddel und die Landungsbrücken bis nach Altona beginnt im Untergrund. In der Richtungslosigkeit des in abgestuften Karameltönen und Käsekuchengelb gekachelten Labyrinths des Harburger S-Bahnhofs verliert man zunächst die Übersicht. Das Auftauchen aus dem Tunnel und die Überquerung der Süderelbe norden die innere Kompassnadel wieder ein und es gelingt bald, die nunmehr sichtbaren Landschaften in ihrem Zusammenhang mit dem Hamburger Stadtgebiet vorzustellen. Der Bahnsteig der S-Bahnstation Veddel überbrückt den Kanal zwischen Spreehafen und Müggenburger Zollhafen. Von hier aus schaut man auf die bis zur Elbe und an die Innenstadt heranreichenden Hafenanlagen und kann am Horizont die Türme der Stadt abzählen. Die auf hohen Dämmen über die Freihafenbrücke geführten Gleise umfahren das Stadtzentrum. Zur Linken überschaut man die Neubauten der Hafencity, die Baustelle der Elbphilharmonie und die dem Hafen zugewandte Innenstadt. Ab Hauptbahnhof bis Altona verläuft die Strecke wieder unterirdisch und nur die Stationsansagen geben einen Begriff vom Außen an der Oberfläche: »Next stop Landungsbrücken – Exit here for harbour-boat trips!«.

Der Parcours von „Aussicht auf Veränderungen“ ergänzte die vorgefundene Streckenführung der S-Bahnlinie 3 zwischen Harburg und Altona um ein Handlungsangebot. Die Markierung bestimmter Stationen forderte zur Unterbrechung des Bewegtwerdens im S-Bahnwaggon auf. Wie ein Filmbild, das plötzlich genauestens betrachtet werden kann, weil es vor dem Projektionsfenster überraschend einige Momente stillsteht. Hell beleuchtet gewinnt es Raum und wird dadurch in seiner Einzigartigkeit sowie in seinem Zusammenhang mit dem Vorhergehenden wahrnehmbar. Zwischen Aussteigen und Einsteigen fügten sich die eigenartigen Raumbildungen der Kunstprojekte in das nur allzu Bekannte. Sie versperrten den Rückzug in Gewohnheit und Gebrauch und gaben dem Unvorhergesehenen einen Platz im Stadtgefüge.

16-09-2010, MESZ 18:57 Uhr, Busbahnhof Veddel
Die zu einem Doppelsechseck zusammengestellten, gläsernen Wände des Wartehäuschens an der Endhaltestelle der Buslinie 13 sind mit einem Muster aus transparent farbigen Dreiecken bedeckt. Neben und übereinander geklebt bilden sie ein kreiselndes, zersplittertes Muster7. Die reinbunten Farben mischen sich zu einer Vielfalt von Tönen und Schattierungen, die das einfallende Licht über den Boden wandern lässt. Schiebt sich eine Wolke an der Sonne vorbei, verblasst das Farbenspiel aus Rot, Magenta, Orange, Flaschengrün, Türkis und Eierschalengelb mit all seinen Zwischentönen und geht über in das fahle Grau der quadratischen Betonplatten. Nachts, sobald die Neonröhre an der Decke eingeschaltet wird, leuchtet der Glaspavillon wie das Innere eines Kaleidoskops und im Vorbeigehen sieht es so aus, als ob sich das Wort »Rialto« zwischen den Scheiben spiegelt. Menschen, die eintreten und auf den dreigeteilten Sitzbänken Platz nehmen, lassen für Momente das Einerlei der täglich wiederkehrenden Notwendigkeiten an sich vorübertreiben. Die Eile der vielen Passagiere, die im Fünf-Minuten-Takt aus den Bussen der Linie 13 steigen und dem S-Bahnhof zustreben, scheint Regeln zu gehorchen, die im Inneren des Pavillons unwichtig werden. Das gefärbte Außen hinter den Scheiben wirkt von hier aus fremd und weit entfernt – dabei genügt ein Schritt, um in die hastige Betriebsamkeit der Stadt zurückzukehren.


Web-Link:
Akademie einer anderen Stadt

Fußnoten
1. Text auf einer Bleistiftzeichnung von Paula Müller, gesehen in der Sammlung Günther / Wagner, Gießen (zurück)
2. »Zaun«, Thomas Wiczak, 2009, realisiert im Rahmen der Ausstellung »Zeichen von Respekt« der Akademie einer anderen Stadt (zurück)
3. Die »Wandernde Akademie« stellte die Programme und Projekte der »Akademie einer anderen Stadt« öffentlich vor. Sie bereiste dazu ab dem 10. Juni bis Ende September 2009 wichtige öffentliche Plätze und Kulturinstitutionen in Wilhelmsburg und auf der Veddel, unternahm aber auch Abstecher in die Hamburger Innenstadt, zum Beispiel besuchte sie den Campus der Universität Hamburg und die Hochschule für bildende Künste. (zurück)
4. Die »Wandernde Akademie« wurde von Andrea Knobloch, Sofie Olbers und Eva Wittwer betreut. (zurück)
5. »Last two Cars to Poppenbüttel«, Zeichnungen und Plakate von Katrin Ströbel, realisiert 2010 im Rahmen des Kunst-Parcours »Aussicht auf Veränderungen« der »Akademie einer anderen Stadt« (zurück)
6. »Karat Spill«, schwimmende Skulptur von Geelke Gaycken und Sonja Vordermaier im Müggenburger Zollhafen, Hamburg Veddel, realisiert 2010 im Rahmen des Kunst-Parcours »Aussicht auf Veränderungen« der »Akademie einer anderen Stadt« (zurück)
7. »Rialto Pavillon«, Fensterfries von Andrea Knobloch, realisiert 2010 im Rahmen des Kunst-Parcours »Aussicht auf Veränderungen« der »Akademie einer anderen Stadt« (zurück)
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