ausstellungen projekte aktionen vortraege texte werke lehre
>> projekte
September 2012
Die fragilen Städte
Werke von Tilmann Meyer-Faje, Martin Pfahler, Anne Pöhlmann
Klangperformance von Thilo Schölpen
Ausstellung in der Reihe 5x3, Kunstraum Düsseldorf
kuratiert von Andrea Knobloch


»Die fragilen Städte«, Blick in die Ausstellung
links: Tilmann Meyer-Faje, »Ironie des Schicksals«,2011, Installation
Hintergrund: Martin Pfahler, »Nevada Schauplatz«, 1993 / 2012, Fotocollage
rechts: Anne Pöhlmann, »L-shaped hotel«, 2007, Bildunterschrift


Wer wünschte sich in einer Stadt zu leben, deren Architekturen und schützende Behausungen lose und vorläufig zusammengefügt und ohne verlässlichen Bestand sind? Marco Polo entwarf dem Mongolenherrscher Kublai Khan während der ihm gewährten Audienzen Ansichten all jener Städte, darunter auch solche von großer Fragilität und Brüchigkeit, die dieser wohl einmal erobern ließ, aber niemals selbst erleben würde. Denn es waren zu viele und zu unüberschaubar war sein Riesenreich als das es ihm hätte gelingen können, all diese Ansiedlungen, ihre Merkwürdigkeiten und unglaublichen Ingenieursleistungen jemals kennen zu lernen.

Der kubanisch-italienische Autor Italo Calvino lässt in seinem Erzählband »Die unsichtbaren Städte« den Weltenwanderer Marco Polo auch von Ottavia, der Spinnennetz-Stadt, berichten. Hier sollte man niemals die Lücken aus den Augen verlieren, die sich zwischen den Holzplanken der Brücken und Stege öffnen, mit denen die ganze Stadt überspannt ist. Denn darunter dehnt sich die Leere einer tiefen Schlucht, über der die Stadt, an Seilen aufgehängt, ihr schwankendes Alltagsleben entfaltet. Ein Fehltritt und schon stürzt der unachtsame Besucher ins Bodenlose. Nur eines ist in Ottavia ganz gewiss: Das tragende Netz birgt eine Grenze der Belastbarkeit, die auf keinen Fall überschritten werden darf.

Der Eindruck, den hochfliegende Bauprojekte heute erzeugen, gleich ob es sich um Flughäfen, Containerterminals, Bahnhöfe oder gläserne Hochhaustürme handelt, ist der einer unfreiwilligen Fragilität, die den großmächtigen Behauptungen der Architekten, Investoren und Bauträger als hintergründige Warnung beigegeben ist. Unüberschaubar wie das Reich des Kublai Khan sind die im Zusammenspiel von Material und Konstruktion wirkenden Kräfte, die der gebauten Welt Standhaftigkeit verleihen oder sie zum Einsturz bringen.

Die Ausstellung Die fragilen Städte versammelt Werke, in denen das Erleben des umbauten Raums eingelagert ist. Erstaunt trifft man auf Martin Pfahlers Bodenskulptur »Collapsed Structure«: Das Chaos des möglichen Abbruchs einer vorgeblendeten Fassade wird hier als Formvariante vorgeführt, die den momentanen Zustand eines Gebäudes lediglich als eine mögliche Figuration in einer nicht enden wollenden Reihe weiterer Versionen deutet. In »Spring forward, fall back« begegnet man einmal mehr dem Bauprinzip der Curtain Wall. In der hier gezeigten Version ist allerdings nicht ausgemacht, welche Bauteile die tragende Funktion übernehmen: das zusammengesteckte Gerüst aus Trockenbauprofilen oder die vor- und zurückspringend gefalteten Wandmodule. Nur in einer empfindlichen Gleichzeitigkeit miteinander verbunden können sie bestehen, ohne in ein vorher und nachher auseinanderzufallen. In Pfahlers Fotografie des »Nevada Schauplatz« scheint sich die Fassade eines Wohnblocks in das komfortable Innere einer Schauvitrine geflüchtet zu haben. Die Spiegelungen der Fensterreihen sind gefasst in den gerahmten Gläsern der Vitrine, in der vormals die Glücksversprechen eines Spielcasinos ausgestellt waren. Die undurchsichtige Transparenz der ineinander verschränkten Reflexionen wurde im Ausstellungsraum auf eine den raumhohen Fenstern vorgesetzte Fläche tapeziert und deutet so ein weiteres Mal auf die Wand als »Vorhang«, der den Zusammenhang zwischen Proportion und Statik verschleiert.

Tilmann Meyer-Fajes Modellstadt aus gebranntem Ton erzeugt und fixiert einen Zustand des Verfalls. Das Zerschellen der Plattenbauten an den sozialen und wirtschaftlichen Bedingungen der kommunistischen Realität in der Sowjetunion spiegelt sich in den Rissen und Verwerfungen ihrer maßstäblich verkleinerten, tönernen Kopien. Das in der Rechtwinkligkeit der Plattenmodule gefasste Stabilitätsversprechen wird durch das von Meyer-Faje gewählte Herstellungsverfahren untergraben. Denn das Brennen des Tons, das ihm Haltbarkeit geben soll, löst kaum steuerbare Schrumpfungen aus, die besonders an den Nahtstellen der Konstruktion Spannungen erzeugen und sie letztlich aufsprengen. Die Planer der aus dem Boden gestampften Wohnfabriken haben ihren staatlichen Auftraggebern die unabwendbare Zukunftsperspektive des im industriellen Bauen angelegten beschleunigten Verfalls niemals modellhaft vorgeführt. Meyer-Fajes Videoanimation »Topsy Turvy« zieht das Wachsen und Auseinanderbrechen eines aus Plattenmodulen aufgetürmten Bauwerks zu einer Angelegenheit von wenigen Minuten zusammen und verlängert es gleichwohl in einen unendlichen Zyklus.

Wer dem Aufruf »walk through« folgt, den Anne Pöhlmann ihrem Video als Titelzeile voranstellt, sieht sich bald festgesetzt in einer Unterführung zwischen zwei Straßenseiten, zwischen Oberfläche und Untergrund. Dem andauernden Strömen des oberirdischen Verkehrs ausweichend sieht man sich auf eine unsichtbare Spur gesetzt, die in Schleifen und Wendungen ausweglos durch die kahlen Gänge kreist. Auch die schier endlosen Flure in ihrem Video »Wohnzeile« entlassen niemanden mehr. Zwischen verschlossenen Wohnungstüren und dem unauffindbaren Ausweg in die Stadt da draußen steht die Zeit still und haftet staubig an den abgegriffenen Blumentapeten längs der Wände.

Die den Lebensvollzügen der Städter/innen abverlangte Flexibilität und Mobilität findet ihr Echo in der zunehmenden Unfähigkeit der Architektur, in eine unbestimmte Zukunft hineinzubauen. Solidität und Bestand, die Grundsteine, auf denen gebaut wird, sind porös geworden und geraten ins Rutschen. Die Unberechenbarkeit natürlicher Veränderungsprozesse ist in die vom Menschen gemachte Welt eingezogen und hat sich dort eingerichtet. Sein Werk beginnt, sich seiner Steuerung zu entziehen. Konfrontiert mit der Unübersehbarkeit und Undurchschaubarkeit der ausgelösten Prozesse muss Fortschreiten heißen, nicht länger dem Höher, Weiter und Größer hinterherzulaufen, sondern die Richtung zu wechseln und die Zukunft in der Vielfalt des Gegenwärtigen zu entdecken.

Andrea Knobloch, September 2012


Termine:
Eröffnung: 27.09.2012, 19 Uhr
Laufzeit: 28.09. - 07.10.2012
EXTRA: 04.10.2012, 19 Uhr
suspended matter
Klangperformance von Thilo Schölpen


Web-Links:
Kunstraum Düsseldorf
Tilmann Meyer-Faje
Martin Pfahler
Anne Pöhlmann
Thilo Schölpen

pdf oben
drucken fenster schliessen