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Oktober 2007
Zürich rührt sich
Marionettentheater in fünf Bildern mit 9 Figuren an 4 Orten
Shedhalle Zürich
kuratiert von Katharina Schlieben und Sønke Gau


»Zürich rührt sich«
Marionettentheater (Kantholz, Acryl auf Leinwand, Buntstift auf Papier, Leuchtkasten, Schriftzug), 340 x 300 x 250 cm
copyright Andrea Knobloch, (Fotografie: Susi Bodmer


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IN BEWEGUNG
»Zürich rührt sich« thematisierte Ausformulierungen von Bewegung als körperliche Aktivität im Raum parallel zum Wandel der Produktionsbedingungen (Industrialisierung, De-Industrialisierung, Dienstleistungs- und Freizeitgesellschaft) seit Beginn des vorigen Jahrhunderts bis heute. Ab 1900 untersuchten Reform-orientierte Gruppierungen im deutschsprachigen Raum erstmals die gesundheitsfördernde Kraft gymnastischer körperlicher Aktivität und tänzerischer Bewegung – auch als Möglichkeit des individuellen künstlerischen Ausdrucks. Auf die schockhafte Erfahrung des ersten Weltkriegs folgt in Deutschland die nationalsozialistische Gleichschaltung des Individuellen zu einer im Gleichschritt bewegten Masse. In den 40er und 50er Jahre vorangetriebene bewegungsökonomische Studien begleiten und fördern fordistische Produktionsweisen. Die Abwicklung der industriellen Produktion bzw. ihre Transformation in eine dienstleistungsorientierte Wirtschaft verpflichtet den nunmehr in flexibilisierte Arbeitsstrukturen verwickelten Körper zu Fitness und Work-Out, die individuelle Beweglichkeit im Takt der Trainingsmaschinerien synchronisieren.

»Zürich rührt sich« interessiert sich insbesondere für das widerständige und emanzipatorische Potential des sich im gesellschaftlichen Raum freizügig bewegenden Körpers. Das Sich-Selbst-Bewegen, im Sinne einer selbst bestimmten Führung und Gestaltung des eigenen Lebens, wird dabei als eine Praxis der Mitgestaltung dieser Räume interpretiert, denn die Arbeit an der Gestaltung des eigenen Lebensraums wirkt in kollektiv genutzte Räume hinein. Diese Arbeit kann als eine in gegenwärtiges Handeln verwebte utopische Praxis verstanden werden, die an in der Reformbewegung begonnene Versuche anknüpft, individuelle Freiheit kollektiv zu verwirklichen. Formulierungen des emanzipatorischen Potentials von Bewegung im Raum wären heute z.B. die Reclaim-the-Streets-Bewegung, Raves, informelle Tanz-Treffs oder auch der sogenannte Parkour, eine Sportart, deren Akteure den städtischen Raum abseits seiner funktionalen Vorrichtungen auf einer selbst bestimmten Linie durchqueren.

Die Spielorte der 5 Bilder des Marionetten-Tehaterstücks »Zürich rührt sich« beziehen sich, bis auf eine Ausnahme, auf konkrete Orte in der Stadt Zürich und sind einerseits historisch mit der Geschichte der gymnastischen Bewegung / des Ausdruckstanzes verknüpft (Cabarét Voltaire, Museum für Gestaltung) oder verräumlichen einen kulturell definierten Bewegungsbegriff (Monte Verità, Oerliker-Park in Neu-Oerlikon).

»Zürich rührt sich« versucht erstmals, historische und gegenwärtige Ereignisse in Zürich zu einer zusammenhängenden Erzählung der Aktivierung des Körpers in seiner Beweglichkeit und Bewegungsaktivität im Kontext gesellschaftlicher Wandlungsprozesse zu verknüpfen. Während und nach dem ersten Weltkrieg konzentrierte sich in Zürich eine einzigartige Konstellation von Persönlichkeiten: Sowohl Rudolf von Laban, der als maßgeblicher Entwickler des modernen Ausdruckstanzes bis heute Geltung hat, als auch seine Schülerinnen Suzanne Perrottet, Mary Wigman und Sophie Taeuber lebten und arbeiteten in der Stadt. Die Dada-Bewegung setzte mit den Aktivitäten rund um das Cabarét Voltaire und die Galerie Dada im Sprüngli-Haus an der Bahnhofstraße wichtige Impulse. Tanz und seine künstlerischen, pädagogischen und gesundheitsfördernden Möglichkeiten wurden und werden bis heute von Suzanne Perrottet und ihr nachfolgenden Schüler/innen vermittelt und praktiziert. Der Züricher Unternehmer Werner Kieser entfaltet von hier aus unter der Marke »Kieser Training« ein internationales Netz von Filialen zur Vermarktung seines Work-Out Konzepts und nicht zuletzt nutzen private (siehe dazu: www.bluetrail.ch) ebenso wie öffentliche Kampagnen die Züricher Trambahnlinien, um Alltagssport und okkasionelles Entspannungstraining als Gesundheit und Arbeitskraft erhaltende Maßnahme zu popularisieren.


Zürich rührt sich

Projekt von Andrea Knobloch im Rahmen der thematischen Reihe «Work to do. Selbstorganisation in prekären Arbeitsbedingungen», Shedhalle Zürich, 2007 / 08

Konzept und Recherche: Andrea Knobloch
Assistenz Recherche: Iris Ströbel
Marionetten, Bühnenbild, Theaterfassade: Andrea Knobloch
Künstlerische Beratung und Puppenspieltechnik: Elisabetha Bleisch
Theaterstück »Zürich rührt sich«: Tim Zulauf
Redaktionelle Mitarbeit: Andrea Knobloch
Bühnenbau: Markus, Bösch, Karen Geyer
Fotografie: Susi Bodmer


Dank allen Beteiligten und ganz besonders an Katharina Schlieben, Sønke Gau, Medea Hoch und Brita Polzer

Web-Link:
shedhalle zürich

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