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Mai 2005
artisan limited productions
Aktion von stadtraum.org
(Projekt von Markus Ambach und Andrea Knobloch, 2002-2006)
im Rahmen der Ausstellung Tricht-Linn-Burg, Vrijthof, Maastricht (NL)
kuratiert von Hinrich Sachs, Jan van Eyck Academie, Maastricht (NL)


»artisan limited productions«, Vrijthof, Maastricht (NL)
Installation auf dem Vrijthof (Wohnwagen, Bildhauerwerkstatt, Ton-Modelle)
copyright/courtesy stadtraum.org, Fotografie: Andrea Knobloch


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Der Vrijthof
Gegenüber dem Markt als dem Ort der städtischen Handelsökonomie, auf der die politische Macht der Stadt gründete – in Maastricht durch das Stadthaus prominent repräsentiert, ist der Vrijthof ein typischer Zentralplatz, wesentlich bestimmt durch die spirituelle Aura der Sant Servaas Basilika. Der mittelalterliche Zentralplatz war der Mittelpunkt des städtischen Lebens, das sich um die Kirche als Glaubenszentrum herum organisierte. In die rechteckige leere Fläche des Platzes wurden Artikulationen von Gesellschaft, Glauben und Handel durch ihre öffentlichen Rituale temporär eingetragen. Der innerstädtische Zentralplatz zeigte sich als das kommunikative Zentrum der Stadtgesellschaft, ihrer Diskurse und ihrer gemeinschaftlichen Verbindlichkeiten. Das Zusammenkommen der Stadtbewohner/innen auf diesem Platz, zeitlich rhythmisiert durch die Abfolge der wichtigen Ereignisse und Feste des Jahres, formulierte an dieser Stelle exemplarisch den öffentlichen Raum der Stadt.

Trichtlinnburg
Entgegen der heutigen Auffassung von öffentlichem (städtischen) Raum, die ein dezentralisiertes Bild desselben entwirft, das auch den Straßenraum mit einbezieht, beschreibt das Projekt TRICHTLINNBURG-Maastricht als Teil einer Zusammenarbeit zwischen Kunstinstitutionen aus Maastricht, Talin und Salzburg, den zentralen Platz erneut als Ort sozio-kommunikativen Zusammentreffens. Die privatistisch dezentralen Strukturen des sogenannten Öffentlichen werden überschrieben von der Verbindlichkeit eines gemeinsamen Treffpunkts im Herzen Stadt.

Beitrag
stadtraum.org verfolgte in diesem Kontext die Strategie der fliegenden Händler und Kunsthandwerker, die temporär in das gesellschaftliche Zentrum der Stadt vorstoßen, und leitete eine affirmative Souvenirproduktion ein: In einem von stadtraum.org gestalteten, mobilen Verkaufs- und Produktionswagen wurden keramische Miniaturen der über die innere Stadt verteilten, im öffentlichen Raum platzierten Plastiken und Skulpturen gefertigt und feilgeboten. Nicht nur die plastische Reproduktion wurde durch die Künstler/innen direkt vor Ort vorgenommen (wodurch sich Passant/innen unmittelbar ein Bild von deren Kunstfertigkeit machen können), auch die »originalen«, miniaturisierten Kopien konnten vor Ort direkt vom Erzeuger erworben werden.

Die durch Gewohnheit und Gebrauch an ihrem Aufstellungsort für die Stadtbewohner/innen nahezu unsichtbar gewordenen Kunstwerke bilden für die Besucher/innen der Stadt einen Teil des touristischen Rasters, entlang dessen sich ihre Bewegungen durch die Stadt organisieren. Die touristische Vermarktung kultureller Identität gehört zu den Kernaufgaben jedes Citymanagements. Jegliche – bildfähige – lokale Besonderheit bildet einen Baustein innerhalb der Konstruktion eines städtischen Erlebnisszenarios, das sich wesentlich vom Alltagserleben der Bewohner/innen unterscheidet und von ihnen womöglich überhaupt nicht rezipierbar ist, weil hier Bedürfnisstrukturen angesprochen werden, die sie selbst ausschließlich während ihrer eigenen touristischen Aktivitäten an anderen Orten entwickeln.

Besonders plastische Werke mit Abbildcharakter im öffentlichen Raum bieten sich als Kulisse für touristische Schnappschüsse an und werden so fortwährend reproduziert, miniaturisiert und entkontextualisiert. Dieser »Ausverkauf« kultureller Identität auf dem touristischen Markt wird durch das Projekt verbildlicht und kommunizierbar. Der »Rückkauf« der handgefertigten »Stellvertreter« der öffentlichen Kunstwerke leitet einen Wiederaneignungsprozess ein, der sich insbesondere für die mit den einzelnen Arbeiten verbundenen Erzählungen interessiert und diese in die Stadt zurückträgt: Warum wurde das Werk an diesem Ort aufgestellt? Welche Erinnerungen werden damit verbunden? Welche Rolle spielt oder spielte es im Leben der Stadtbewohner/innen?

Selbst als Tourist/innen in der Stadt konnten wir über unsere Arbeit an der Reproduktion von Fragmenten städtischer Identitätskonstruktionen mit den Stadtbewohner/innen und auch den Besucher/innen in Gespräche über die öffentliche Kunst in Maastricht eintreten. Handwerklich bezog sich das Arbeiten mit keramischem Material in Situ sowohl auf die Maastrichter Tradition der Keramikproduktion, als auch auf die mittelalterliche Einheit von (öffentlicher) Produktion und Distribution. Das »Ausstellen« von individueller Kunstfertigkeit im Format von Kunst im öffentlichen Raum – durchaus ein immer noch gern gesehenes Konzept – wurde hier zu einem Kommunikationsanlass über Kunst im Stadtraum umgewertet.


Termine
Laufzeit: 27.05. – 05.06.2005


Web-Links:
www.stadtraumorg.de
www.tricht-linn-burg.org

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