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Januar 2009
Kunst im Organisationswald: Vom Überleben in nährstoffarmen Milieus
»Interpretieren, arrangieren, Beziehungen stiften«
3. Arbeitstagung, Fachverband für Kulturmanagement
Zeppelin University Friedrichshafen


Vortrag für drei Solostimmen und drei Paare


SOLO 1 (Frauenstimme, Ansage)
Kunst im Organisationswald: Vom Überleben in nährstoffarmen Milieus

SOLO 2 (Frauenstimme, Bericht)
Ich bin der Künstler. – Ich bin schon lange nicht mehr in der Produktion – ich male jetzt wieder. Seitdem ich das tue, geht mein Denken in die Fläche, sprachlich bin ich nicht mehr so spitz. Die Ideenproduktion habe ich ganz aufgegeben. Aus der malerischen Arbeit heraus funktioniert das nicht... Die Dinge müssen sich entwickeln. Das braucht Zeit und ist nicht so effizient, passt deswegen nicht in formalisierte Abläufe.

Ideen sind was für die Produktion. Man produziert sie, am besten mindestens 10 Variationen, organisiert einen kritischen Reflexionsprozess, sortiert aus und realisiert, was übrig bleibt.

DUO 1 (Manifest / Erklärung, druckvoll)
Wir wollten das. Als die Losung ausgegeben wurde: »Kunst in die Produktion«,1 da haben wir gedacht: ENDLICH! Endlich eine Aufgabe. Man nimmt uns ernst. »Als Künstler wurden wir Teil eines Mechanismus, dessen einziges Ziel nur die Realisierung einer neuen Lebensweise für alle sein konnte«.2 NIEDER! haben wir gerufen: »Nieder mit der Kunst, die zur Flucht aus einem nicht lebenswerten Leben dient!«.3 »Es ist Zeit für die Kunst, dass sie organisiert in das Leben eingeht«4 und »Das konstruktive Leben ist die Kunst der Zukunft!«.5 »Der Mensch, der sein Leben, seine Arbeit und sich selbst organisiert hat, ist ein moderner Künstler«.6

Wir waren nicht nur die Konstrukteure der neuen Gesellschaft, wir waren auch Vorbilder für eine Lebensweise, die aktiv an der Ausgestaltung dieser neuen Gesellschaft mitarbeitet, die Impulse setzt, den Veränderungen eine Form gibt, die anregend und anstiftend in alle Bereiche des Alltagslebens eingreift. »Jeder Mensch ist ein Künstler«7, jeder Mensch hat das Potential, in einen schöpferischen Prozess einzutreten und gestaltend in seinen Alltag einzugreifen. »Schaffen war für uns ein Zustand natürlicher Freiheit…«.8

DUO 2 (Erklärung, emotional)
Wir fühlten uns befreit, beflügelt. Es kam uns so vor, als hätte die Welt auf uns gewartet. Unsere Ziele, das, was wir immer gedacht und gefordert hatten, auf einmal schienen alle so zu denken und alle Veränderung zu fordern. Wir wollten Praktiker sein, das hat unser kulturelles Bewusstsein bestimmt.

Natürlich konnte man in so einer Situation mit Ateliermalerei nichts mehr anfangen. Zwei Wege schienen aus dieser Falle herauszuführen: »…zunächst die Herausarbeitung der abstrakt formalen Momente der Malerei als einer Art Schule und Lehre des Sehens… – und hiermit verbunden der zweite Weg: Die Negation der Atelierkunst als einem gesellschaftlichen Faktor des Kunstlebens und die Einbringung der neuen Methoden der bildenden Kunst in eine Art Gebrauchskunst, das heißt in die – wie man sie damals bezeichnete – Produktionskunst.«9

DUO 3 (Erzählung, sachlich)
In den neu gegründeten Kunstschulen ging es zunächst darum, das Prinzip der Malerei als abbildendem Medium abzulösen und durch das Prinzip der Organisation oder der Konstruktion zu ersetzen. Die Suche nach der Erkenntnis allgemeingültiger Gesetzmäßigkeiten der neuen Kunst leitete uns an. Der schöpferische Bewusstseinsprozess, der von der Darstellung zur Organisation gelangt, wurde durch zwei grundlegende Momente charakterisiert:
1.) Die Objekt-Begriffsanalyse – im Unterschied zur Vorstellung und abbildenden Bedeutung – wird zur Grundlage des Zugangs zur Wirklichkeit: Es beginnt die Deformation des Objekts zwecks Darlegung seines Wesens, was wiederum die Konkretisierung eines gegebenen Bewusstseins in gegebenen Formen bedeutet und den Beginn der Organisation künstlerischer Mittel darstellt.
2.) Das Moment, dass hauptsächlich aus alten beständigen Elementen geschaffen wird – alten nur deshalb, weil wir alle schließlich nur ein-und-dieselbe konkrete Materie kennen – überwinden wir durch die neue Organisation dieser Elemente. »Komposition gründet auf Geschmack und Stil, Konstruktion ist dagegen das objektivere Prinzip der Organisation und Neuordnung.«10

DUO 1 (Erzählung, sachlich)
Wichtig war einzig die Form oder derjenige Teil der Form – Linie, Farbe oder Faktur –, der eine unmittelbare Funktion innerhalb der malerischen Konstruktion hatte… Von hier aus gesehen leuchtete es ein, warum jede gegenständliche Form überflüssig ist: Sie birgt notwendigerweise a-konstruktive Teile in sich, die also die Konstruktion beeinträchtigen und zerstören. Von diesem Bewusstsein aus war es nur ein Schritt zur gegenstandslosen Form überhaupt, zur Unbedingtheit einer nicht mehr von der Außenwelt vorgegebenen Form. Sie ordnete sich zwar allgemeinen Forderungen der Konstruktion unter, ferner unterlag sie architektonischen Notwendigkeiten und den Intentionen des Autors, der nur in der absoluten Gegenstandslosigkeit zu der vollkommenen Freiheit gelangen konnte, in der er Linien, Flächen, Volumenteile und Farbgewicht ausrichtete und konstruierte. »In der absoluten Freiheit der Gegenstandslosigkeit unter dem unmissverständlichen Diktat seines Bewusstseins und mit dem Hilfsindikator Zweckmäßigkeit, hierbei der Notwendigkeit zu neuer Organisation verpflichtet, konstruierte der Künstler seine Kunst…«.11

DUO 2 (Manifest / Erklärung)
Wir wollten Organisator der Maloberfläche sein. Unsere Bilder betonten die Ebene. Wir verzichteten entschieden auf optischen Betrug, auf trügerische Tiefe, auf Zufälligkeit in der Beleuchtung. »Alle Arten der darstellenden Kunst, wie die Ateliermalerei, Zeichnung, Strich, Plastik und ähnliche konnten aus unserer Sicht nur dann eine gewisse Zweckmäßigkeit besitzen, wenn sie als Laborphase des Suchprozesses nach neuen Mitteln verstanden wurden und Hilfsprojektionen und -schemata für Konstruktion und praktische Produktionsobjekte waren«.12

Die Produktionskunst sahen wir als letztgültiges Ziel, als die Realisierung der bei künstlerisch-technisch durchgeführten Laborversuchen erhaltenen Ergebnisse in der Produktion. »Das Staffeleibild ergab durch seine Verwandlung in Erfahrung und wissenschaftliche Daten eine Formel zur Produktion einer neuen Form des Lebens und seiner materiellen Objekte«.13

DUO 3 (Behauptung, fordernd)
Die Epoche, in die die Menschheit eingetreten war, war eine Epoche des industriellen Aufbruchs, und deshalb musste sich auch die Organisation der künstlerischen Elemente der Gestaltung der materiellen Elemente des Lebens, das heißt der Industrie und der sogenannten Produktion zuwenden. Die neue Industrieproduktion, sollte sich in entscheidender Weise von traditionellen ästhetischen Ansätzen distanzieren.

Die Betonung lag nicht auf der künstlerischen Ausschmückung des Objekts (angewandte Kunst) sondern auf der Beziehung zwischen dem künstlerischen Aufbau des Objektes und der Frage nach der Herstellung des nützlichsten Gebrauchsgegenstands… Das ging also sehr viel weiter, als es heute gedacht wird. Wir wollten nicht verzieren, sondern das Produkt grundlegend neu denken und schaffen. »Das Prinzip der Konstruktion ließ ein Produkt nicht durch Mittel, sondern durch das Ziel selbst entstehen, das real existierte, das erforderlich – und somit nützlich war. Änderte sich das Ziel des schöpferischen intellektuellen Produkts, so änderten sich auch die Mittel«.14

DUO 1 (belehrend)
Bis dahin beschränkte sich die Aufgabe des Künstlers, zum Beispiel bei der Herstellung von Kleidung, vornehmlich auf Dekoration, auf den Entwurf von Mustern für fertige Stoffe. Der Künstler fungierte als Begleiterscheinung und wurde weder bei der Anwendung neuer Möglichkeiten des Färbens noch bei der Entwicklung neuer Gewebestrukturen oder Materialien zu Rate gezogen. Er war nichts anderes als ein einfacher Handwerker… Der einzig richtige Weg für den Künstler bestand aber darin, sich nach dem Entwurf mit der Herstellung und der Färbung des Stoffes zu beschäftigen. Ein ›modisches‹ Erscheinungsbild wird selten nur durch das Stoffmuster allein erzeugt – die Form eines Kleidungsstücks ist für das verwendetet Material und Muster entscheidend.

Mode greift in ihren Linien und Formen die jeweilige Zeit auf… Auch jeglicher technische Fortschritt sollte seinen Niederschlag in der Mode finden… Von größter Bedeutung war für uns die Kenntnis des Alltagslebens seitens des Künstlers. »Er musste sich herauszufinden bemühen, was mit dem Stoff geschah, nachdem er das Atelier verlassen hatte«.15

DUO 2 (Manifest / Erklärung, emotional)
Wir glaubten daran, dass dies unsere Zeit ist. Wir glaubten, dass das konstruktive Leben die Kunst der Zukunft ist. Wir arbeiteten für das Theater und in der Werbung, wir entwarfen Gebäude ebenso wie Plakate und Buchumschläge, wir planten Möbel, Kleidung, Gebrauchsgegenstände... Wir träumten davon, dass sich bald in »riesigen Zeppelinen Großstädte und die Ateliers von Künstlern befinden werden«.16

»Wir glaubten, dass wir dank unseres Organisationswissens über die materielle und soziale Wirklichkeit verfügen könnten. Wir glaubten, dass wir gesellschaftliche Prozesse durch die Organisation energetischer Kraftströme optimieren könnten«.17 Die Organisation des Raums durch dynamische Konstruktionen und die Selbstorganisation des Menschen in politischen Organen war für uns eingebettet und aufgehoben im kosmischen Prozess der Selbstorganisation der Natur. Wir sahen uns auf dem Weg zur »Realisierung des absoluten Gleichgewichts zwischen Technik, Natur und Gesellschaft«.18

Ewige Glückseligkeit, Stabilität, Harmonie, schienen vor uns zu liegen. Der Einzelne und die Gesellschaft würden glücklich sein, weil ihre Beziehungen zueinander mit genialer Vernunft, mit großartiger Präzision konstruiert worden waren.

DUO 3 (Erzählung, emotional)
Wir sind nur sehr langsam aufgewacht. Manche von uns träumen noch immer...

Die Probleme begannen damit, dass der Aktionsraum der Künstler kleiner wurde. Man begann, konkrete Aufgaben zu formulieren und man begann, unsere Suche nach den objektiven Grundlagen von Gestaltung miss zu verstehen. Man dachte, es handele sich um einen mechanischen Prozess, der von jedermann durchgeführt werden kann. Man dachte aber nicht daran, die schöpferischen Möglichkeiten eines jeden zu wecken und zu fördern und damit zuzulassen, dass jeder Mensch ein Künstler sein konnte.

Im Gegenteil, man verlangte eine ideologische Konstruktivität, die eine bewusste Organisiertheit unseres Denkens in allen Lebensfragen zur Grundlage haben sollte. Organisiertheit, Planmäßigkeit, Rationalisierung in allen Lebensbereichen. Man ging davon aus, dass »der Mensch im Zuge seiner Höherentwicklung sich erst von Gott säubert, dann von Chaos und Konkurrenz. Er würde mit Hilfe der Organisation Berge versetzen, die Erde umbauen, die Richtung der Flüsse ändern und den Ozeanen Regeln vorschreiben. Schließlich würde der Mensch sich selbst umbauen und harmonisieren. Er würde es sich zur Aufgabe machen, der Bewegung seiner eigenen Organe höchste Klarheit, Zweckmäßigkeit, Wirtschaftlichkeit und damit Schönheit zu verleihen.«19

DUO 1 (Erzählung, enttäuscht emotional)
Wir sollten zurück an die Staffelei. Nicht Überzeugung und Veränderung – Überwältigung mit optischen Mitteln hieß die Parole. Man sagte, »eine solche Kunst ermögliche es den Menschen mit Hilfe der dargestellten Phantasie, mit Hilfe ihrer abbildend kompositorischen Tätigkeit, das in organisierter Form zu sehen, zu hören, zu empfinden, was in ihrem Leben nicht organisiert ist, wonach sie sich aber sehnen würden«.20

Unsere Malerei sollte die Transformation der Gesellschaft darstellen, während wir selbst ausgeschlossen wurden. Ausgeschlossen aus der Mitgestaltung des Transformationsprozesses und damit gleichzeitig ausgeschlossen aus der Gesellschaft…

DUO 2 (Erzählung, resümierend)
Stimmen des Protests begannen sich zu regen. Wir trafen uns wieder heimlich, suchten Gesellschaft und Verständnis in den Dachkammern der Dissidenten. Wir wollten abrechnen – mit unseren Hoffnungen und mit denen, die uns diese Hoffnungen genommen hatten.

Wir glaubten immer noch daran, dass Prozesse, Konflikte und Entscheidungsfindungen in der Art der bildlichen Darstellung und Konstruktion aufgedeckt und bewusst gemacht und Verfahrensweisen der Darstellung selbst zum Inhalt werden könnten. Aber unter dem Druck des Utilitarismus und der Funktionalisierung unserer Arbeit im Hinblick auf ihre Massenwirksamkeit geriet die Methode der Montage, der Offenlegung der künstlerischen Mittel, in die Defensive.

DUO 3 (Erklärung)
Wir bekannten uns erneut zu einer Kunst, die nur da existieren kann, »wo nicht gesinnungstreue Vollzugsbeamte sie machen, sondern Tollköpfe, Eremiten, Ketzer, Träumer, Rebellen und Skeptiker«21 – damit hatten wir den Kampf verloren. Nicht mehr die Mitte des Geschehens war unser Ort, wir fielen aus der Zeit und in die Bedeutungslosigkeit.

SOLO 2 (Frauenstimme, Erzählung, sachlich)
Heute spricht man wieder vom Künstler und seiner kulturellen Produktion. Man spricht von Organisation und Umgestaltung, von neuen Arbeits- und Lebensmodellen und der Vorbildfunktion der Künstler, von kreativen Ökonomien, von kultureller Bildung und ästhetischer Wahrnehmung.

Sie werden verstehen, dass ich skeptisch geworden bin. Ich bin mir nicht sicher, ob ich meine wieder gewonnene Malerei noch einmal im Stich lassen würde. Die Arbeit zieht sich hin. Ich habe viel Zeit verloren. Alles durchdeklinieren, Erfahrungen sammeln, das Wissen vom Kopf in die Hände leiten, das erreicht man nicht von Heute auf Morgen. – Sie möchten Fahrrad fahren lernen? Jemand gibt Ihnen einen Zettel, darauf ist die Funktionsweise des Geräts genau erklärt. Graphiken stellen den Antriebsmechanismus und das notwendige Verhältnis zwischen Geschwindigkeit und Neigungswinkel dar. Sie verstehen alles und wagen eine Fahrt. Sie fallen und versuchen es noch einmal. Sie werden es immer wieder versuchen, Sie werden solange herunterfallen, bis Sie ein Gespür entwickelt haben. Das kostet Zeit. Sollten Sie nicht in Übung bleiben, beginnen Sie jedes Mal von vorn.

SOLO 1 (Erzählung, emotional)
Das Gespür für Farbe und Form, der Mut, Entscheidungen zu treffen, die Energie, alles Wissen und jede Erfahrung vor der Leinwand stets aufs Neue zu aktivieren – Das muss immer wieder erlernt werden. Mir bleibt nicht mehr genug Zeit, um Meister zu werden.

Und trotzdem: Schaffen ist ein Zustand natürlicher Freiheit! Wie ein Bergsteiger vor der Steilwand, der weiß, er wird der erste sein, der seine Spur in diese Wand einträgt und er weiß, dass diese unsichtbare Spur unauslöschlich mit dem Berg verbunden bleibt. Keiner seiner Nachfolger kann diese Linie ignorieren… Ich weiß nicht, ob ich diese Freiheit noch einmal woanders finden werde.

DUO 2 (Erzählung, emotional)
Dass Kunst nach »Fallen für Zufälle«22 sucht, das Nicht-Vorhersehbare herausfordert, der Vieldeutigkeit und dem produktiven Irrtum nachgeht, das haben wir damals nicht verstanden. Wir wollten analysieren, objektivieren, organisieren, harmonisieren und zu allgemeinen Gesetzmäßigkeiten finden. Heute bedeutet Organisation für uns Absicherung gegen Unvorhergesehenes! Unsere Nachfolger tun, was man von ihnen erwartet. Sie beweisen Unabhängigkeit indem sie fortwährend eingebildete Tabus durchbrechen. Sie hocken auf ihrer Originalität und trauen sich nicht ins Leben.

Die selbst bestimmte Gestaltung des Lebens ist ein fundamentales Bedürfnis: über das Notwendige hinausgehen – sich verschwenden in schöpferischen Prozessen. Der Nutzen liegt in der Erfahrung der eigenen Möglichkeiten, die auch auf die Mitgestaltung von Gesellschaft angewendet werden können.

Die mit Kunst verbrachte Zeit ist selbst bestimmte Zeit. Diese Zeit hat einen eigenen Rhythmus und eine eigene Dauer.

DUO 3 (gemischtes Paar)
Die Epoche, in die die Menschheit nun eingetreten ist, ist eine Epoche des Aufbruchs in die Wissensgesellschaft. Deshalb müssen sich auch die künstlerischen Denk- und Handlungsweisen von der Gestaltung der materiellen Elemente des Lebens abwenden, um sich vollkommen der »Bearbeitung von Informationen, von Symbolen – seien es nun Buchstaben, Zahlen oder Bilder«23 zu widmen.

Schon bald werden Großstädte und die in Lofts zerteilten Fabriken in »riesigen Zeppelinen«24 entlang energetischer Kraftströme durch die dynamisierte Stratosphäre gleiten, auf dem Weg zur Realisierung des »absoluten Gleichgewichts zwischen Technik, Natur und Gesellschaft...«.25

Das geht sehr viel weiter, als wir damals denken konnten. Wir wollten das materielle Produkt grundlegend neu gestalten. Das Prinzip der digitalisierten Gestaltung schafft heute Produkte ohne Rücksicht auf Mittel und Material und ohne Notwendigkeit – Produkte, die real nicht existieren, die nicht erforderlich und somit ohne Nutzen sind. Produkte, die wahllos und ziellos – begehrenswert und abstoßend zugleich – erscheinen und wieder verschwinden.

DUO 1 (gemischtes Paar)
Die neue Informationsproduktion braucht keine tayloristisch organisierten gehorsamen Arbeiter mehr. Gebraucht wird der ganze Mensch: seine Initiative, sein Verständnis, seine Selbständigkeit, sein Einfallsreichtum und seine Vorstellungskraft. »Kurz: es ist die ganze persönliche Kraft des Menschen gefragt. Man kann es auch in einem Wort fassen: seine Kreativität«.26

Die neue Losung heißt: »Produktion ist Kunst«.27 »Als Künstler werden wir Teil eines Mechanismus, dessen einziges Ziel die Realisierung einer neuen Lebensweise für alle ist«:28 die des »freigestellten Arbeiter-Unternehmers, der zugleich Künstler seines eigenen Lebens wird«.29 »Kreativität ist die Demokratisierung des Genies«:30 »Jeder Mensch ist ein Künstler«,31 jeder Mensch ist verpflichtet, seine Potentiale zu entwickeln und in den freien Markt einzubringen.

»Der Ruf nach Selbstbestimmung und Teilhabe markiert nicht länger eine emanzipatorische Utopie, sondern auch eine soziale Verpflichtung. Die Menschen sind dazu verpflichtet, frei zu sein«.32 »Sie sind dazu gedrängt, mündig, autonom und für sich selbst verantwortlich zu sein«.33 Freiwillig nehmen sie die Risiken wechselnder Konjunkturen auf sich und ertragen ihren sozialen Abstieg als Chance zum persönlichen Neuanfang. »Der Mensch, der sein Leben, seine Arbeit und sich selbst organisiert hat, ist ein moderner Kreativarbeiter, das bohemistische Proletariat der kulturalisierten Ökonomie«.34 »Das kontingente, flexible, instabile Leben ist die Kunst der Zukunft!«35

Wir werden die sich selbst auffressenden Maschinen der neuen Gesellschaft sein, wir werden die Vorbilder sein für ein neues Arbeitssubjekt, das sich selbst motiviert, organisiert und mobilisiert, das ebenso flexibel ist, wie der freie Markt. NIEDER! rufen wir heute: »Nieder mit dem Markt, der den ganzen Menschen fordert und ihn dabei zum Tagelöhner macht!«.36

DUO 2 (Erzählung, vorwiegend sachlich)
Wir fühlen uns wie Spiegelbilder. Es kommt uns so vor, als würden wir die Welt von der falschen Seite aus betrachten. Unsere Ziele, das, was wir immer gedacht und gefordert hatten, auf einmal scheinen alle so zu denken und trotzdem das Falsche zu fordern. Wir wollen immer noch Gestalter sein, nicht Stellvertreter oder »Lieferanten der bunten Flicken auf dem farblosen Leben der neuen kreativen Klasse«.37 Das bestimmt unser kulturelles Bewusstsein.

Natürlich muss man in so einer Situation wieder mit der Arbeit im Atelier beginnen. Zwei Wege scheinen aus der Kreativitätsfalle herauszuführen: »…zunächst die neuerliche Konzentration auf künstlerische Arbeitsverfahren als einer Art Schule und Lehre der ganzheitlichen Körper- und Sinneswahrnehmung, des kulturellen Trainings und des Selbst-Gestaltens, – und hiermit verbunden der zweite Weg: die Neuformulierung der Kunst als mutwillige Herausforderung etablierter Strukturen, als ›böses Spiel‹38 mit unhinterfragten Wahrheiten, als Camera Obscura des gesellschaftlichen Wandels! Denk- und Arbeitsweisen der bildenden Kunst müssen in eine neue Art der übergreifenden Suche nach den Bedingungen und Möglichkeiten der Teilhabe aller an der Gestaltung von Gesellschaft einfließen, das heißt in die – wie man sie heute bezeichnet – künstlerische Forschung«.39

DUO 3 (Ausblick, skeptisch)
Aber vielleicht finden wir Verbündete und beginnen von vorn. Vielleicht verlassen wir die sicheren Inseln der prinzipiellen Opposition und setzen über. Landen dort an, wo Denk- und Handlungsweisen des Künstlerischen als produktive Prinzipien die Gestaltung des gesellschaftlichen Wandels mitbestimmen können.

Die Sehnsucht nach Selbstbestimmung, dem Ende der Entfremdung, die Hoffnung auf Freiheit und Identität sind in die Organisiertheit des künstlerischen Schaffens eingebettet. Vielleicht verstehen wir endlich, dass »immaterielle schöpferische (…) Kräfte das Vermögen einer Gesellschaft ausmachen«.40 Vielleicht beginnen wir wieder zu glauben, dass das individuelle Potential eines jeden der Ausgangspunkt ist, um die Welt als gestaltbares organisches Ganzes und die Gesellschaft als Ort des sozialen Mehrwerts zu verstehen, anstatt Kunst durch die planmäßige und rationalisierte Organisation ihrer Erscheinung und Vermittlung zu formatieren und damit die künstlerische Intention und den schöpferischen Prozess in ein effizientes, aber kleinkariertes Muster zu zwingen.

SOLO 3
Ich bin der Künstler. »Allerdings kann ich mir deswegen nicht jeden Tag ein Ohr abschneiden!«41


Weblinks:
www.fachverband-kulturmanagement.org
www.zeppelin-university.de


Fußnoten
1. Zitat Salomon Telingater in: Künstlerinnen der russischen Avantgarde / Woman-Artists of the Russian Avantgarde (zurück)
2. zitiert nach Osip Brik (zurück)
3. Zitat Alexander Rodtschenko, in: Maler, Konstrukteur, Fotograf, VEB Verlag der Kunst, Dresden 1983 (zurück)
4. siehe Anm. 3 (zurück)
5. siehe Anm. 3  (zurück)
6. siehe Anm. 3  (zurück)
7. Zitat Joseph Beuys: »Jeder Mensch ist ein Künstler. Damit sage ich nichts über die Qualität. Ich sage nur etwas über die prinzipielle Möglichkeit, die in jedem Menschen vorliegt...Das Schöpferische erkläre ich als das Künstlerische, und das ist mein Kunstbegriff.« (zurück)
8. zitiert nach Mjuda Jablonskaja, in: Russische Künstlerinnen (zurück)
9. Zitat Mjuda Jablonskaja, in: Russische Künstlerinnen (zurück)
10. zitiert nach Ljubow Popowa (1921), in: Russische Künstlerinnen  (zurück)
11. siehe Anm. 10 (zurück)
12. siehe Anm. 10  (zurück)
13. siehe Anm. 10  (zurück)
14. zitiert nach Warwara Stepanowa, in: Russische Künstlerinnen  (zurück)
15. zitiert nach Warwara Stepanowa, in: Russische Künstlerinnen (zurück)
16. Zitat Kasimir Malewitsch, 1913, in: Russische Avantgarde. Mit voller Kraft voraus. 1910-1934 (zurück)
17. zitiert nach Rodtschenko / Stepanowa zum Begriff der »Tektonik«, in: Russische Avantgarde. Mit voller Kraft voraus. 1910-1934 (zurück)
18. zitiert nach El Lissitzky, in: Russische Avantgarde. Mit voller Kraft voraus. 1910-1934 (zurück)
19. Zitat Leo Trotzky, in: Russische Avantgarde. Mit voller Kraft voraus. 1910-1934 (zurück)
20. zitiert nach Boris Arwatow, in: Russische Avantgarde. Mit voller Kraft voraus. 1910-1934 (zurück)
21. zitiert nach Jewgeni Samjatin aus seinem Aufsatz »Ich fürchte« (1921) (zurück)
22. Zitiert nach Dagmar Reichert (zurück)
23. zitiert nach Wilfried Maier, Kreative Stadt – Eine Politik für Hamburg, in: Kreativen:Wirkung. Urbane Kultur, Wissensökonomie und Stadtpolitik, Hrsg. Heinrich Böll Stiftung, Berlin 2008 (zurück)
24. zitiert nach Kasimir Malewitsch, 1913, in: Russische Avantgarde. Mit voller Kraft voraus. 1910-1934  (zurück)
25. zitiert nach El Lissitzky, in: Russische Avantgarde. Mit voller Kraft voraus. 1910-1934  (zurück)
26. siehe Anm. 24  (zurück)
27. Zitat Salomon Telingater, siehe Anm. 1 (zurück)
28. zitiert nach Osip Brik  (zurück)
29. zitiert nach Marion von Osten, Unberechenbare Ausgänge, in: Kreativen:Wirkung. Urbane Kultur, Wissensökonomie und Stadtpolitik, Hrsg. Heinrich Böll Stiftung, Berlin 2008 (zurück)
30. Siehe Anm. 28  (zurück)
31. Zitat Joseph Beuys, siehe Anm. 7 (zurück)
32. zitiert nach Nikolas Rose  (zurück)
33. siehe Anm. 28  (zurück)
34. frei zitiert nach Alexander Rodtschenko, in: Alexander Rodtschenko, Maler, Konstrukteur, Fotograf, VEB Verlag der Kunst, Dresden 1983 (zurück)
35. frei zitiert nach Alexander Rodtschenko, siehe Anm. 34 (zurück)
36. frei zitiert nach Alexander Rodtschenko, siehe Anm. 34  (zurück)
37. frei zitiert nach Alexander Rodtschenko, siehe Anm. 34  (zurück)
38. Zitat Ruth Sonderegger, Globale oder lokale Spieler? Zur Frage, was und wie allgemein eine Ästhetik des Spiels sein kann, in: PubliCity. Constructing the Truth, Hrsg.: Söke Dinkla, Verlag für moderne Kunst, Nürnberg 2006, S. 146 ff. (zurück)
39. frei zitiert nach Mjuda Jablonskaja, in: »Russische Künstlerinnen«  (zurück)
40. zitiert nach Armin Chodzinski, Kunst und Wirtschaft. Peter Behrens, Emil Rathenau und der dm Drogeriemarkt (zurück)
41. zitiert nach Martin Kippenberger (zurück)
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