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September 2006
rundkino_modell
Workshop, öffentliche Intervention und Ausstellung
Konzept und Realisierung: Andrea Knobloch und Silke Riechert
im Rahmen von Urban Potentials, Prager Straße und Motorenhalle, Dresden
kuratiert von Torsten Birne und Christiane Mennicke


»rundkino_modell: station«, Installation und Veranstaltungen
Bambus, Gipsstein, Kunststoffseil, Beschläge, Holzbänke, Fahnen, Acrylfarbe, Maße variabel
copyright Andrea Knobloch, Silke Riechert; Fotografie: Andrea Knobloch


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rundkino_modell und seine Stationen
Die Künstlerinnen Andrea Knobloch und Silke Riechert verfolgen seit 2003 in einer ganzen Reihe von Projekten aktiv das stadtplanerische Geschehen mit einem speziellen Focus auf das Dresdner Rundkino im Kontext des Stadtraums Prager Straße und engagieren sich für eine differenzierte Herangehensweise an das Erbe der sozialistischen Moderne. Ihr Interesse am formalen Vokabular und den gesellschaftlichen Implikationen dieser Bauepoche mündete in eine intensive Auseinandersetzung mit ihren noch erhaltenen Zeugnissen. Kritisch reflektiert wird dabei die seit Jahren betriebene Bereinigung des Stadtraums von Bauwerken der sozialistischen Moderne als Zeitzeugen vergangener Hoffnungen auf eine bessere, weil sozialistisch geprägte Gesellschaft.

Das Rundkino kann als exemplarischer Fall eines auf diese Weise zur Disposition gestellten Baudenkmals gelesen werden. Vielfach besetzt und aufgeladen mit Erinnerungen und Zuweisungen in einer Gesellschaft im Umbruch, für die die Pflege der Zeugnisse der Vergangenheit mehr und mehr zur unlösbaren – weil vor allem auch unbezahlbaren – Aufgabe wird, bietet es sich an als öffentlich sichtbares und diskutiertes Modell in der Mitte der Stadt, an dem sich Planungsgeschehen unmittelbar ausdrückt. Aus künstlerischer Sicht entwickelt sich hier ein Andockpunkt an die Strukturen der kommunalen Verwaltung, über den künstlerische Findungen, Kommentare und Recherchen sinnvoll in Stadtplanung eingespeist werden könnten. Ziel der künstlerischen Interventionen zum Rundkino im Kontext der Prager Straße ist es, den Deutungen und Adressierungen der Stadtbewohner/innen nachzugehen und daraus eine in die Zukunft weisende Vision für einen Verhandlungsraum zu entwerfen, der Stadtentwicklung, verstanden als Beteiligungsmodell, mit künstlerischer Forschung verknüpft.

Basis
Grundsätzliches Interesse der gemeinsamen Arbeit ist es, im interdisziplinären Austausch mit Architekt/innen, Stadtplaner/innen und Kulturwissenschaftler/innen prozessorientierte, partizipative Planungsstrategien zu entwerfen, innerhalb derer künstlerische Ausdrucksformen einen fachspezifischen Beitrag leisten können. Stadtplanung als dynamischer, in die Zukunft gerichteter, interaktiver Prozess benötigt Visualisierungen, die keine formale Vorfestlegung definieren, sondern planerische Rahmenbedingungen – innerhalb derer Partizipation und damit auch Integration überhaupt erst wachsen und für die Gestaltung städtischer Lebenswelten produktiv werden können – sinnlich erfahrbar, transparent und vermittelbar machen.

Folgende Eckpunkte werden von Knobloch und Riechert als Voraussetzung der Möglichkeit einer veränderten Planungskultur beschrieben:

1. Partizipation
Beteiligung und Implementierung von Beteiligung organisieren durch Qualifizierung der Beteiligten und Bildung sinnvoller Mitbestimmungsgremien als Schnittstelle von Bürger/innen, Stadt und Planer/innen

2. Kompetenzaustausch
nach Bildungsblöcken entwickeln sich Bürgergremien, ihnen werden Entscheidungskompetenzen zugewiesen, Planung als mitgestaltbarer Prozess erlebbar

3. Interdisziplinarität
Interdisziplinäre Kompetenzen spezifisch einsetzen und verknüpfen; künstlerische Kompetenzen entwickeln dabei eine eigene performative und bildnerische Sprache, die als gleichberechtigte, planerische/ architektonische Visualisierungen ergänzende und bereichernde Sprache Planungsprozesse erweiternd begleitet und beeinflusst

4. Stadtplanung transparent machen
Stationen städtischer Planung übersichtlich und transparent vermitteln, einzelne Schritte mit Mitbestimmungsgremien und deren Entscheidungen kurzschließen

5. Modelle
exemplarisch und modellhaft Räume/ Gebäuden/ Flächen funktionsgemischt mit heterogenen Nutzungsstrukturen (soziale, kulturelle, Freizeit- und ökonomische Nutzungen) und hoher gestalterischer Qualität als Aufwertungsimpuls in die städtische Entwicklung integrieren

6. Kultur und Ökonomie
neue Finanzierungsmodelle als Hilfe zur wirtschaftlichen Unabhängigkeit und langfristiger Qualitätssicherung entwickeln, die Kulturförderung aus der Wirtschaft als gesellschaftliche Verpflichtung einfordern

Sprechen und Handeln
Die konkreten Zielsetzungen der weiteren künstlerischen Arbeit sind in erster Linie in der Entwicklung künstlerischer Ausdrucksmittel im Hinblick auf die Mitgestaltung städtischer Lebensräume zu sehen. Das Potential künstlerischer Wahrnehmung und sinnlich erlebbarer Formulierung gilt es zu fassen und in das kommunale Planungsgeschehen einzubringen. Die Auseinandersetzung mit der Frage nach der prinzipiellen Möglichkeit von Gestaltung von Zukunft, der Antizipierbarkeit zukünftiger Entwicklungen und Bedürfnisstrukturen einer sich permanent wandelnden Gesellschaft führt notwendig zur Beschäftigung mit den Möglichkeiten von Modellen und der Frage nach konkreten Orten, in denen über solche Modelle und den damit verbundenen Zukunftsentwürfen verhandelt werden kann.

Stadtraum produktiv machen
Die künstlerische Auseinandersetzung realisiert sich bildhaft in sogenannten Mindmaps, großformatigen Zeichnungen, die im gegenseitigen Austausch entstehen und als ein gemeinsam betriebener Think Tank genutzt werden. Die Mindmaps testen die für eine Zusammenarbeit zwischen Stadtplanung und Kunst vorgeschlagene dialogische, partnerschaftliche und prozessuale Vorgehensweise. Im gegenseitigen Austausch im Zusammenspiel mit einer auch immer wieder notwendigen neuen Grenzziehung zwischen den individuellen Positionen werden Erfahrungen geteilt und Gedanken und Vorstellungen gemeinsam entwickelt um in Pläne und Modelle umgewandelt zu werden, die zur Realisierung vorgesehen sind. Langfristig soll so eine spezifisch künstlerische Sprachfindung ins Werk gesetzt werden, die den Beitrag der Künstlerinnen zu Fragen der Stadtgestaltung und sozialen Raumplanung mittels eines eigenen Vokabulars darstellt und behauptet.

Aus dieser Arbeit heraus entstehen dreidimensionale Auskopplungen, die den zeichnerischen Ideenpool einerseits installativ inszenieren, andererseits aber auch als modellhafte temporäre Architekturen die in den Zeichnungen angedachten Raumentwürfe real umsetzen. Beispielhaft steht dafür die 2006 auf der Prager Straße realisierte rundkino_modell: station, die im Rahmen der Projektreihe »Urban Potentials« als Verhandlungsraum genutzt wurde und Akteure der Stadtplanung, Kultur und Architektur zu Austausch und Gespräch einlud.

Die Künstlerinnen definieren in ihrer Arbeit Stadtraum nicht als Ort der Repräsentation und des Konsums, sondern als potentiell produktiven und gestaltbaren Raum, in den sie ihre spezifisch künstlerischen Kompetenzen als Mitgestalterinnen einbringen.


rundkino_modell: station auf der Prager Straße
Im Herbst 2006 wucherte zwischen Baumreihen der Prager Straße eine improvisierte Raumstruktur: das rundkino_modell von Andrea Knobloch und Silke Riechert. Es sollte verbildlichen, was sich die Künstlerinnen im seit 2002 stillgelegten Rundkino künftig als sinnvolle Nutzung vorstellen. Aus ihren gemeinsamen Überlegungen heraus haben sie ein Wunschformat entwickelt, das sich zwischen Zukunftslaboratorium und Forschungsstation bewegt.

Das rundkino_modell, insgesamt für 4 Wochen auf der Prager Straße gelandet, setzte mit Gesprächen und einem öffentlichem Musikprogramm ein Zeichen für ein stadtgesellschaftliches Milieu, in dem sich wirtschaftliche, soziale, kulturelle Interessen offen und verantwortungsvoll formulieren, gegenseitig Schnittstellen orten und ihre Anschlussfähigkeit testen können, um so sozialen und kulturellen Fortschritt auf den Weg zu bringen.

Aus ihrem Engagement für eine kulturelle Neunutzung des Rundkinos haben Silke Riechert und Andrea Knobloch im Herbst 2006 das Institut für Stadtentwicklung und künstlerische Forschung (Salon des Belles Utopistes) gegründet. Das Institut agiert standortunabhängig und will den Blickwinkel künstlerischer Praxis mit der Frage verbinden, wie eine vielfältige Stadtgesellschaft gleichberechtigt an Stadtplanung und -entwicklung teilhaben kann.
(Pressetext)


Veranstaltungen

rundkino und TU Dresden
05.05. – 07.05.2006, Workshop
Interdisziplinärer Workshop zur Erarbeitung eines kulturellen Neunutzungskonzepts für das Rundkino in Zusammenarbeit mit der Zeppelin University Friedrichshafen, der TU Dresden und Andreas Waschk Consulting, Köln

rundkino
15.09.2006, ab 12 Uhr
Putzaktion am Rundkino von und mit Studierenden des Masterstudiengangs Denkmalpflege & Stadtentwicklung, TU Dresden

rundkino_modell: station
15.09.2006, 17 Uhr
Eröffnung der rundkino_modell: station auf der Prager Straße vor dem Rundkino

rundkino_modell: station
16.09.2006, 15 Uhr
rundkino dresden e.V. lädt ein zum Kaffetrinken mit Rundkinotorten Studierende des Masterstudiengangs Denkmalpflege & Stadtentwicklung stellen ihre Untersuchungsergebnisse zum Rundkino vor

rundkino_modell: station
22.09.2006, 19 Uhr Musikstation Musik und visionäre Lieblingsfilme der 60er/ 70er

rundkino_modell: station
29.09.2006, 19 Uhr
Zukunft der Innenstadt: Kommerzialisierung und Musealisierung oder Bürgerstadtraum? Eine Gesprächsrunde in Zusammenarbeit mit der Ausstellung Urban Potentials
Gäste: Torsten Birne, Architekturkritiker und Kunsthistoriker, Dresden
Gregor Langenbrinck, Kompetenzzentrum für revitalisierenden Städtebau, Görlitz
Frank Ekhardt, Zukunftswerkstadt Dresden
Christoph Heinemann, Ifau (Institut für angewandte Urbanistik, Berlin)
Oliver Lücking, Jan Winkler, Kristina Hermann, Denise Ackermann, rundkino dresden e.V.

rundkino
07.10.2006
Führung im Rundkino mit Studierende der TU- Dresden

rundkino
14.10.2006, 17 Uhr
Vorstellung einer Machbarkeitsstudie zur zukünftigen Nutzung des Rundkinos von Studierenden der TU Dresden und der Zeppelin-University Friedrichshafen
Gäste: Oliver Lücking (rundkino dresden e.V.)
Prof. Dr. Karen van den Berg (Zeppelin University Friedrichshafen)
Manfred Wiemer (Kulturamt der Landeshauptstadt Dresden)
Prof. Dr. Hans-Rudolf Meier (TU Dresden)



Web-Links:
Silke Riechert: home.arcor.de/markusandrae/silke/works-FS.htm
rundkino dresden e.V.: www.rundkino-dresden.de

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