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Juli 2009
Zürich rührt sich – Stadt in Bewegung
in: »Work to do, Selbstorganisation in prekären Arbeitsbedingungen«
Shedhalle Zürich (CH)
Hrsg.: Katharina Schlieben und Sønke Gau

Leben ist Bewegung. Sich in einer Stadt bewegen ist wiederkehrende Routine, ebenso wie Atmen, Essen, Schlafen. Absoluter Stillstand ist undenkbares Ende aller Lebendigkeit.

(Stadt)Raum
Bewegung in all ihrer Selbstverständlichkeit ist Ausgangspunkt der Gestaltungsmacht des Menschen. Bewegung im Raum, sei es in Gedankenwelten oder materiellen Raumkonstruktionen, verlangt Entscheidung und Reflexion. Wo war ich? Wo befinde ich mich in diesem Moment? Wohin will ich? Sich bewegen heißt immer auch, Raum zu ordnen, zu teilen, ihn aktiv zu gestalten. Das Einnehmen einer topographischen Position ordnet den Raum in Vor-, Hinter-, Nebenräume. Gravitationspunkte und Richtungen, Leere und Fülle werden erzeugt. Eine Stadt zu durchwandern heißt immer auch, diese Stadt in diesem Moment neu zu erfinden. Ein flüchtiger und einzigartiger Raum wird eingezeichnet, eine Kette von Orten und Situationen, die sich von allen anderen, gleichzeitig und flüchtig entstehenden unterscheidet. Die bewusste Gestaltung dieses immer wieder neu erzeugten und zurückgelassenen Raums, z.B. durch absichtliches Übertreten gegebener Grenzen oder die übertriebene Stilisierung der eigenen Bewegungen, führt über das routinierte Durchqueren auf den Wegen täglicher Geschäfte hinaus und räumt Möglichkeiten für Widerstand und Selbstbefähigung ein.

Die Bewegung des menschlichen Körpers im Raum ist eine ausdrucksvolle, Bedeutung erzeugende Sprache, deren Alphabet aus Gesten, Schritten und Sprüngen, Spannung und Entspannung, drehen und stehen, aus Zeitintervallen, Takten, Wiederholungen, Pausen, aus Dynamik und Ruhe und so fort aufgebaut ist. Noch bevor Musik, Klang und Töne dazukommen, ist Bewegung schon Tanz. In der unwillkürlichen und andauernden Bewegtheit des Körpers und seiner Organe findet er seinen jeweils individuellen Rhythmus. Der gebürtige Ungar Rudolf von Laban begründete auf dieser Erkenntnis sein tänzerisches, choreographisches und pädagogisches Wirken, das in den 10er Jahren des vorigen Jahrhunderts in München mit der Ausrichtung feierlicher Umzüge und Faschingsfeste begann. Der »Vater« des Ausdruckstanzes erforschte die Alltagsbewegungen von Passanten, Festgästen und Handwerkern. Er schaute der vornehmen Gesellschaft bei ihren Soireen und im Theater, den Wäscherinnen bei ihren täglichen Verrichtungen zu. Daraus leitete er seine Theorie ab, in der er Tanz als Übersetzung von Alltagsgesten versteht. Nicht länger einem Zweck zugeordnet bilden sie das Grundmaterial tänzerischer und choreografischer Raum-Gestaltung.

Das künstlerische Projekt »Zürich rührt sich« setzt an dieser Stelle an. Es geht davon aus, dass Bewegung Raum erzeugt und dabei unablässig verwandelt. Bewegung in der Stadt ist immer auch Gestaltung von Stadtraum. Die bewusste Gestaltung der eigenen Lebenswelt ist ein fundamentales Bedürfnis. Sich nicht über die eigene Wohnung hinaus bewegen können, nicht mitentscheiden können, nicht teilnehmen können an gesellschaftlichen Gestaltungsprozessen, das ist ein Zustand, der in Deutschland vielen wohl bekannt ist, die in die Arbeitslosigkeit und damit Abhängigkeit von staatlichen Hilfen geraten sind. Aber auch die Vielbeschäftigten, die Freelancer und Unternehmer in eigener Sache haben Anlass, sich um ihre Spielräume für freizügige Bewegung zu sorgen. Ihre Körper sind Produktionsmaschinen geworden, die die Unsicherheiten wechselnder beruflicher Herausforderungen meistern müssen. Sport, Fitness, Wellness sind nichts anderes, als das Schmieröl und die regelmäßige Inspektion zur Instandhaltung des Maschinenkörpers, um sein von Krankheit und Arbeitsunfähigkeit ständig bedrohtes reibungsloses Funktionieren möglichst langfristig zu sichern

Fabrik und Bühne
Die in eine patriarchal organisierte Gesellschaft eingebettete, feudal strukturierte frühkapitalistische Industrie zwang die Körper der Frauen, der Arbeiter, der Kinder, der nicht Angepassten, in die Langeweile der Fließbandarbeit oder die Bewegungslosigkeit der ins bürgerliche Heim oder die Anstalt Eingesperrten. Befreiung hieß hier immer auch freizügige Bewegung. Nach Schichtende wurde in den Lokalen zu drängenden Rhythmen in anrüchiger Enge hemmungslos getanzt. Man schloss sich zu Arbeitersportvereinen zusammen, in denen auch den Frauen sportliche Betätigung erlaubt war. Vielerorts entstanden solidarische Siedlungsgemeinschaften, unter deren Schutzdach sich allein stehende Frauen eine unabhängige Existenz schaffen konnten, um ein selbstbestimmtes Leben zu führen, zu dem natürlich auch freizügige sportlich tänzerische Bewegung gehörte. Sie entwickelten neue Berufsbilder für Frauen, darunter auch die Heilgymnastik, die das Gesundheitssystem der Weimarer Republik sowohl als Prophylaxe, als auch als Therapie für solche Krankheitsbilder anerkannte, die durch die monotone und einseitig belastende Industriearbeit verursacht waren. Hier wurde Bewegung als Möglichkeit gelehrt, sich der fortschreitenden Verkrümmung des an den Maschinentakt geketteten, arbeitenden Körpers zu widersetzen. Die bis dahin in die Stangen und Streben des Korsetts verschnürte bürgerliche Frau gewann durch therapeutischen Tanz und sportliche Bewegung ein Bewusstsein ihrer selbst, das als unhintergehbare Tatsache nicht mehr zu unterdrücken war. Die nationalsozialistische Ideologie baute denn auch nicht länger auf die an Heim und Herd gefesselte, sondern die nach dem Absolvieren gymnastischer Übungen im gleichgeschalteten Massensport durchtrainierte und freiwillig dort hin zurück gekehrte Frau und Mutter.

Der hoffnungsvolle Aufbruch in eine bessere Welt endete mit dem Beginn des ersten Weltkriegs. Patriotismus war nun Pflicht und die gerade brüchig gewordenen Gesellschaftsbilder der Gründerzeit wurden als gemeinsamer Bezugspunkt und Schutzschild gegen »den Feind« im Inneren wie von Außen wieder eingesetzt. Jede In-Fragestellung der alten Götter wurde mit Verachtung und Verfolgung abgestraft. Vielen Reformprojekten fehlte bald der gesellschaftliche Rückhalt. Sie lösten sich auf und verloren ihre hervorragenden Köpfe ans Exil. Zürich entwickelte sich bald zum Sammelbecken enttäuschter Utopien, deren widerborstige und unruhige Protagonisten im Exil den Untergang ihrer hochfahrenden Ziele in der Katastrophe des ersten Weltkriegs mit ansehen mussten. Für eine kurze Zeitspanne wurde Zürich für sie zum Mittelpunkt der Welt. In den rauschenden Nächten des Cabarét Voltaire trafen alle aufeinander: Hugo Ball, Emmy Hennings, Hans Arp, Tristan Tzara, Sophie Taeuber und viele andere unterhielten sich mit einer Mischung aus karnevalesker Komödie, verrenkter Prosa, getanzten Gedichten und dadaistischen Darbietungen aller Art. Wut und Protest gegen die scheinbare Unvermeidlichkeit der Ereignisse bestimmten das Denken und jeder war eingeladen, dem mutwilligen Publikum bittere Wahrheiten entgegen zu schleudern. Im Sommer versammelte man sich auf dem Monte Verità. In der Abgeschiedenheit der Tessiner Bergwelt wurden die Träume vom ganzheitlichen Leben in einer starken Gemeinschaft, die trotzdem Raum für individuelle Entwicklung lässt, weitergesponnen. Die Suche nach einer lebbaren Utopie brach bald ab. Es gab einen Alltag zu bewältigen, die Spielräume wurden enger und das Denken realistischer.

Während Europa auf einen weiteren Weltkrieg zusteuerte, bemühten sich die im Projekt »Zürich rührt sich« thematisierten Personen, aus Wünschen und Träumen eine hier und jetzt lebbare Perspektive zu gewinnen. Rudolf von Laban fasste mit der Hilfe Suzanne Perrottets als Leiter einer Schule für Bewegungskunst in Zürich Fuß. Sein Entschluss, nach München zurückzukehren, brachte die Teilung: Suzanne Perrottet übernahm den pädagogisch therapeutischen Bereich, während Mary Wigman, zunächst in Zürich, später dann in Dresden, den künstlerischen Zweig weiterführte. Sophie Taeuber unterrichtete als Lehrerin für Textiles Gestalten an der Züricher Kunstgewerbeschule. Sie entwickelte eine eigene kunsthandwerkliche Produktlinie, entwarf und realisierte Raumgestaltungen und arbeitete künstlerisch als Malerin und Zeichnerin. Bis zur Emigration nach Südfrankreich lebten sie und ihr Mann, Hans Arp, in einem von ihr entworfenen Wohn- und Atelierhaus bei Paris.

Das nationalsozialistische Regime griff bei der Formierung einer deutschen Tanzkunst auf die neuesten Strömungen zu. Mary Wigman gestaltete Massenchoreografien für die Berliner Olympiade, bevor sie sich, bald in Ungnade gefallen, auch von der Bühne trennen musste und bis zum Kriegsende ihre Dresdner Lehranstalt gegen alle Zumutungen verteidigte. Rudolf von Laban leitete für kurze Zeit die Reichstanzkammer. Nachdem das gegenseitige gründliche Missverstehen zum endgültigen Zerwürfnis mit den neuen Machthabern geführt hatte, ging er 1938 ins Exil nach Manchester. Im Zentrum der englischen Industrieproduktion brauchte man den Bewegungsforscher, um Arbeits- und Betriebsabläufe im Sinne der Lehren Frederick Winslow Taylors effizienter und damit gewinnbringender zu gestalten. Technische Hilfsmittel, wie Foto- und Filmkameras waren in Kriegszeiten für zivile Nutzungen nicht erreichbar. Laban ging deshalb mit einer Gruppe von Schülern selbst in die Fabriken und erforschte akribisch die Bewegungen der Arbeiter an den Maschinen und Fließbändern. Sekundengenau wurde das Spiel der Muskeln und Glieder, das Zugreifen, Absetzen, Weglegen der Werkzeuge und -stücke notiert. Die von Laban entwickelte Kinetographie, eine Notationsschrift, mit der die Bewegungen des Körpers bezogen auf ihren Bewegungsraum präzise festgehalten werden können, erlebte hier ihre erste Bewährungsprobe, noch bevor sie sich als Aufzeichnungsmedium für choreographische Kompositionen etablieren konnte.

Trainingslager
Heute schwärmen flexible Arbeitnehmer hinaus in die globalisierte Wirtschaftswelt, ihr digitales Büro im rollenden Aktenkoffer immer dabei. Die Bindungen an das jeweilige, Arbeit gebende Unternehmen sind locker, Gelegenheiten werden wahrgenommen, Gründe zu wechseln gibt es immer. Pausenlos im Wettbewerb beugen sich die Körper unter dem Druck der Konkurrenz und arbeiten an der Erhaltung eines möglichst attraktiven Status Quo, in dem Alter, Krankheit, Depression und Furcht vor dem Versagen nicht bis an die Oberfläche vordringen. Gesundheit ist nicht länger Gott gegebenes Gut sondern stets und ständige Selbstverpflichtung. Das Risiko, sie zu verlieren, trägt jeder für sich. Die Instandhaltung ihres Körpers und damit ihrer Produktivität wurde in den privaten Verantwortungsbereich der Arbeitnehmer outgesourced, die eigentlich Unternehmer in eigener Sache sind. Dem Fließband entkommen stählen sie sich in der grau gestrichenen Mechanik der Trainingsmaschinen. Muskeln werden heute allerdings nur noch gebraucht, um den knöchernen Stützapparat zu entlasten, der den Kopf oben hält.

Das in Zürich im Jahr 2006 breit propagierte Bluetrail-Programm zur Steigerung der Produktivität am Arbeitsplatz nutzt den Weg zur Arbeit als Zeitfenster für die schnelle Ertüchtigung zwischendurch. Das abwechselnde Anspannen und Entspannen Gliedmaßen und die bewusste Wahrnehmung des Bewegt-werdens durch die eigenen Körperfunktionen sollen Stress abbauen und die Konzentrationsfähigkeit erhöhen, um den Arbeitnehmer in einen Zustand der aufmerksamen Bereitschaft für den kommenden Arbeitstag zu versetzen.

Die Entdeckung der Bewegung als Impuls der Befreiung und Selbstbestimmung zu Beginn des letzten Jahrhunderts endet mit dem Beginn dieses Jahrhunderts in einer allgegenwärtigen Vernutzung jeglicher körperlichen Aktivität. Genuss am eigenen Tun, Freude am Ausdruck und an der Freizügigkeit der körperlichen Aktivität haben als ernst zu nehmenden Motivation ausgedient. Die Rückkehr der Körper an die Maschinen, diesmal nicht um zu arbeiten, sondern sich für die Arbeit gesund und in Form zu halten, ist die konsequente Ausdehnung kapitalistischer Verwertungslogik auf den menschlichen Körper.

Theater
»Zürich rührt sich« ist eine Recherche zu körperlicher Bewegung, Tanz und künstlerischer Gestaltung – ist ein Marionettentheater mit 9 Figuren und 4 Szenen – ist ein Theaterstück in 5 Bildern, das entlang verbürgter Ereignisse historische und gegenwärtige Persönlichkeiten in eine Auseinandersetzung über das gestalterische Potential selbst bestimmter Bewegung verwickelt.

1. Bild: Der Oerliker Park in Neu Oerlikon
Eine weite Fläche zwischen bunten Fassadentapeten mit quer liegenden übergroßen Fensterrechtecken, Baumreihen über die gesamte Länge und Breite quadrieren den Platz in ein Mosaik aus Kies, bemoostem Gras, Grillplätzen, Bänken und Papierkörben. Die so genannte Aktionsfläche aus Holzbohlen und das leere Stadtteilcafé dazwischen, brüten in der Sonne. Man hört das Gekicher heimgekommener Schulkinder, das Klappern von Geschirr und leise Radiomusik. Weiter hinten ein türkisblauer, runder Turm, die Treppenspirale ist mit Maschendraht gesichert, oben ein kleiner Aussichtskorb, der einzige Ort, an dem man sich hier küssen kann, ohne dabei beobachtbar zu sein.

Unten am Turm treffen sich der Chinese, der in Zürich das Bluetrail-Projekt vermarktet, mit dem an allen Tramhaltestellen der Stadt zu Entspannungsübungen angeregt werden soll, und Kieser, schweizweit und darüber hinaus bekannt für seine Rückenschule, die jede gequälte Wirbelsäule wieder arbeitsfähig macht, solange vom Delinquenten genügend Disziplin und Selbstverleugnung für das tägliche Training aufgebracht wird. Man schließt eine Wette ab, die entscheiden soll, welches Konzept der Körperertüchtigung der schweizerischen Wirtschaft am nachhaltigsten auf die Beine helfen kann. Der Verlierer wird verpflichtet, dem anderen im Wettlauf um staatliche Subventionen tatkräftig die Stange zu halten. Wie aber lässt sich ein schlagender Beweis führen? Wer kann bürgen für die eine oder andere Methodik?

2. Bild: Eine Bergwiese am Monte Verità
Lieblich grün, ganz Natur (oder doch nicht, sondern nur die Einbildung des zivilisationsmüden Städters?), liegt eine Berglandschaft in der Nachmittagshelle eines milden Frühlingstages. Alles scheint in geheimnisvollem Rhythmus bewegt. Die langen, unbeschnittenen Gräser auf der Wiese werden vom darüber hinwischenden Wind flach zu Boden gedrängt und im nächsten Moment in die Gegenrichtung gekämmt. Die hohen, dunklen Tannen rechts am Hang schaukeln behäbig knarzend hin und her.

Der Chinese begreift nicht recht, wie er von einem Moment auf den anderen hier her gelangen konnte. Schon nähern sich zwei seltsam gekleidete Frauen mit einem ebenso merkwürdig anmutenden Herrn in ihrer Mitte. Sie springen den sacht geneigten Abhang herunter und sind in lebhaftes Plaudern vertieft. Sie entdecken den Chinesen und verwickeln ihn in ihre Konversation.

Mit detektivischem Scharfsinn bringt er dabei heraus, dass man sich anscheinend im Jahr 1917 befindet und wer diese Leute sind. Es handelt sich offenbar um Suzanne Perrottet, Tänzerin und Tanzpädagogin, die lange Zeit in Zürich gewirkt und eine Tanzschule betrieben hat, in ihrer Begleitung Mary Wigman, Tanzkünstlerin und hervorragende Protagonistin des so genannten Ausdruckstanzes. Beide sind ihrer männlichen Begleitung Rudolf von Laban, einem berühmten Tänzer und Choreographen, als Schülerinnen verbunden und alle drei eben jetzt auf dem Monte Veritá zu einem Wiedersehen zusammengetroffen. Lebhaft diskutiert wird über das Konzept des Qui, das der Chinese aus seiner Heimat mitgebracht hat und als spirituelles Zentrum des gesunden Körpers begreift. Ähnlichkeiten und Gegensätze der Auffassungen werden erwogen, bis Rudolf von Laban unvermutet verschwindet, ohne dass der Chinese ihn als Leumund für sein Bluetrail-Projekt hätte gewinnen können.

3. Bild: Das Cabarét Voltaire in Zürich im Jahr 2008
Eine verrauchte Halle, dunkle Wände und vergilbtes Papier. An der Decke kreuz und quer mit Scheinwerfern behängtes Gestänge. Kleine runde Tische, Stühle aus gebogenem Holz, teils gestapelt. Die Luft riecht staubig und nach abgestandenem Bier, das in graugelbe Pappendeckel eingesickert ist. Eine Bühne, ein Tresen… eine Tür führt auf die Spiegelgasse. Links daneben die Fotografie eines Mannes in einigermaßen lächerlichem Aufzug: Sein Körper steckt in einer langen Röhre, ebenso Arme und Beine, auf dem Kopf wiederum ein solches Ding, beinahe ein Zylinder aber dann eben doch zu lang und eher wie ein Schornstein, gerade dass er nicht übers Gesicht rutscht, gehalten von den abstehenden Ohren rechts und links. Die leichte Ähnlichkeit mit Herrn von Laban lässt den Chinesen an dessen Seriosität zweifeln.

Im Cabarét Voltaire treffen die Damen Wigman und Perrottet auf eine Kollegin: Sophie Taeuber, Künstlerin, Architektin, Tänzerin, Gestalterin und Lehrerin an der Züricher Kunstgewerbeschule, die gerade im Begriffe ist, ein dadaistisches Gedicht von Tristan Tzara zu rezitieren. Uneingestanden gereizt erinnern sich die Drei an vergangene Auftritte, an die guten und schlechten Tage der gemeinsamen Zeit. Dada hin, konkrete Kunst her, die Ernsthaftigkeit künstlerischen Bemühens, die Rolle der Frau im allgemeinen und an der Seite des Herrn von Laban im Besonderen werden erörtert, nicht ohne in Streit zu geraten über die doch recht unterschiedlichen Vorstellungen von der Kunst und dem gutem Leben.

4. Bild: Die Züricher Kunstgewerbeschule
Lange Korridore, geschlossene Türen. Die hohen Seitenfenster spiegeln sich im Bohnerwachs-Glanz der Fußböden. Die Gerüche von Leim, Farbe, feuchten Pinseln, dem Holz zerschnitzter Tischplatten und dem Lösungsmittel, mit dem Bleibuchstaben von Druckerschwärze gereinigt werden, verbinden sich zum typischen Aroma einer höheren Lehranstalt, die sich der Ausbildung künstlerisch-gestalterischer Fähigkeiten verschrieben hat.

Sophie Taueber führt durch die Gänge und weist das eine und andere Mal auf bestimmte Bilder an den Wänden. Fachkundig erläutert sie ihr Lehrkonzept, das dem natürlichen Drang nach Ordnung und Variation nachgeht und die jungen Mädchen ihrer Textilklasse in virtuose Jongleurinnen verwandelt, die aus den Grundformen der Gestaltung immer erstaunlichere Muster und schon beinahe chaotische Ordnungen hervorzaubern. Mary Wigman fühlt sich herausgefordert, ihr Kunstverständnis lässt keine andere Autorität gelten als die des künstlerisch bewegten Herzens, wohingegen Suzanne Perrottet den natürlichen Gaben ihrer Schülerinnen blind vertraut, die es nur recht hervorzulocken gelte. Von Johanna Spyri zu Ordnung und weiblicher Demut gerufen, verschwinden die Frauen unvermittelt. Der Chinese bleibt allein und verwirrt zurück.

5. Bild: zurück im Oerliker Park
Es ist dunkel geworden. Von den Fassaden ringsherum ist nichts weiter zu sehen als eine raumlose Schwärze. Davor schweben gelblich leuchtend einige Fensterrechtecke, in anderen flackert das bläuliche Licht eingeschalteter Fernsehmonitore. Das Klirren einer Hundemarke, die im Schrittrhythmus der vier Pfoten gegen das genietet Halsband schlägt, zieht entfernt vorbei, Schritte knirschen im Kies, ohne dass jemand zu sehen wäre. Die Lichtstrahlen zweier Autoscheinwerfer schwenken über den Boden und streifen die Fußspitzen des Chinesen, der an den Turm gelehnt bemüht ist, nach all dem Hin und Her zwischen Orten und Zeiten die eigene Mitte wieder zu finden.

Zwei entfernt murmelnde Männerstimmen sortieren sich im näher kommen in unterscheidbare Silben und Worte. Die lebhafte Unterhaltung dreht sich um Maschinen als Arbeits- und Trainingsgerät. Der Chinese traut seinen Augen nicht: Da wandert doch der Herr von Laban mit dem Kieser durch den nächtlichen Park und raisonniert über den in eine maschinelle Mechanik eingespannten Körper, nach dem er doch eben noch – oder war das wirklich im Jahr 1917– von Befreiung, Ausdruck, Natur und Weltverbesserung durch die Rückbesinnung auf das Qui als ureigenen spirituellen Kern eines jeden Individuums geschwafelt hatte…

Notausgang
Natürlich kann an dieser Stelle nichts über den Fortgang der nun folgenden Auseinandersetzung zwischen dem Chinesen, Kieser und dem vermeintlichen Herrn von Laban verraten werden, mit der das Stück »Zürich rührt sich« endet. Sie verstehen: Sie werden auf eine Aufführung warten müssen – wie wir alle, die wir nun schon seit längerem an diesem Projekt arbeiten. Im Grunde keine große Sache. Marionetten und Bühne sind gefertigt, die Entwürfe für die Bühnenbilder liegen in der Schublade, das Stück ist in dritter Fassung vorhanden… Woran liegt es also, dass die Premiere immer wieder verschoben werden musste? Sie ahnen den Grund: Es fehlt an einer Finanzierung! Eigentlich ist das aber nur ein Symptom. Die Ursache liegt vielmehr darin, dass »Zürich rührt sich« zwischen allen Stühlen sitzt. Je nach dem, von welcher Seite – bildender Kunst oder Theater – man das Projekt anschaut, ist es zuviel vom einen und zuwenig vom anderen. Die maßgeschneiderten Profile privater und öffentlicher Fördertöpfe halten sehr auf Passgenauigkeit. Was heraus fällt oder überlappt, wird zurechtgestutzt oder gar nicht erst in Betracht gezogen.

Die Sichtbarkeit von Kunst hängt von Interessen und Kooperationen ab, die ihr, aus welchen Gründen auch immer, aus den Werkstätten und Ateliers heraus in die Öffentlichkeit helfen. Wenn sich Kunst Sichtbarkeit nur dadurch einhandeln kann, dass sie sich vorformulierten Themen, Sparten und Formaten und damit dem Regime der Märkte und Fördertöpfe anpasst, werden wir zwar stets das bekommen, was wir erwarten, aber nichts mehr, was darüber hinaus geht.


Web-Link:
www.shedhalle.ch/dt/archiv/2008/programm/thematische_reihe/projekte_r3_k1/index.shtml

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