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Juni 2008
Stadtentwicklung als Raum der Möglichkeiten?
Andrea Knobloch und Silke Riechert (Salon des belles Utopistes)
in: »Kreative Ökonomien und ihre Umsetzbarkeit auf Stadtteilebene«
Dokumentation des IBA-Labors am 16. und 17. Juni 2008, Hrsg.: IBA Hamburg


Clubheim in Hamburg-Wilhelmsburg (Foto: Andrea Knobloch)


Stadtentwicklung als Raum der Möglichkeiten?
Stadtplanung bezieht sich auf den Begriff der kreativen Ökonomien, wenn es gilt, Stadtvisionen zu entwerfen, die das traditionelle planerische Instrumentarium nur holzschnittartig vorwegnehmen kann. Denn es müssen nicht nur Gebäude errichtet werden, die vielfältigen Ideen und Konzepten Raum geben können. Vor allem gilt es, geeignete soziale, organisatorische, politische und wirtschaftliche Rahmenbedingungen zu schaffen, um das zu erzeugen, was man planerisch zwar beschwören aber nur schwer systematisch herstellen kann: lebendige Urbanität, eine aktivierte Stadtgesellschaft, niedrigschwellige und qualitativ hochwertige Bildungsangebote, innovative Ökonomien, Arbeitsplätze und soziale und kulturelle Durchmischung. Eben ein Milieu, das Vielen die Chance gibt, sich zu entwickeln und mit den Veränderungsprozessen, die Stadtgesellschaften im globalen Wettbewerb heute herausfordern, nicht nur mitzuhalten sondern auch selbst daran zu wachsen.

Möglichkeitsräume
Ein Möglichkeitsraum ist ein Raum der Koexistenz von Widersprüchen. Er ist nicht eindeutig beschrieben und daher offen für Umdeutung und Neudefinition. Das Spiel, der Bereich der Kunst und der Kreativität sind solche potentiellen »Räume«, weil hier die Loslösung vom subjektiven Eindruck der eigenen Omnipotenz und das In-Betracht-Ziehen anderer, auch widersprüchlicher Sichtweisen und damit die Entwicklung von innovativen Fusionen zwischen zunächst als unvereinbar erlebten Interessen möglich wird.

Die spezifische Qualität künstlerischen Handelns, die über ihre ökonomische Quantifizierung und ihre Vernutzung als soziokulturelles oder kunsthandwerkliches Beiwerk weit hinausreicht, wird selten als Potential für innovative stadtplanerische Strategien erkannt. Das planerische Dilemma, das einerseits im Vorwegnehmen von an sich unberechenbaren Entwicklungen liegt, andererseits darin, mono-perspektivisch und mit fixierter Zielvorgabe Vielfalt künstlich erzeugen zu wollen, lässt sich durch eine interdisziplinäre Erweiterung der Planungsperspektiven und die Einführung konsequenter Beteiligungsverfahren auflösen.

Handlungsoptionen für alle Beteiligten können entstehen, wenn die Fixierung von Planung auf vorformulierte Leitbilder zugunsten einer umgekehrten Vorgehensweise aufgegeben wird, die Planungsziele aus der intensiven Untersuchung und Auseinandersetzung mit der vorliegenden stadträumlichen und sozialen Realität entwickelt und sich dafür Spielregeln gibt, die partnerschaftliche Beteiligung an Planungsprozessen und soziale Integration von vornherein vorsehen.

Künstlerisches Handeln kann dem Spiel mit den vielfältigen Möglichkeiten räumlicher und sozialer Organisation Raum geben. Im Untersuchen, Umdeuten, Herausfordern, Dekonstruieren und neu Zusammensetzen gewohnter Wahrheiten und traditioneller Strukturen öffnen sich Entwicklungs- und Lösungspotentiale jenseits altbekannter, aber immer wieder neu aufgelegter Rezepturen.

Werkstatt
Für eine künstlerische Praxis, die sich aktiv und produktiv in gesellschaftliche Gestaltungsprozesse einbringen will, ergeben sich daraus im Rahmen von Stadtplanung und Stadtentwicklung eine Reihe von Handlungsoptionen:

1. Künstler/innen erforschen Orte und Situationen aus einer erweiterten Perspektive und können zu einer Sensibilisierung der Wahrnehmung von städtischen Räumen beitragen.

2. Künstler/innen erforschen und erzeugen kommunikative Prozesse und können mit künstlerischen Mitteln spielerisch und vielfältig an der Herstellung eines interdisziplinären Dialogs mitarbeiten.

3. Im Möglichkeitsraum der Kunst können innovative Formate modellhaft erprobt und damit in die Nähe einer Realisierbarkeit gebracht werden.

4. Als Impulsgeber und Plattform kann künstlerisches Handeln Bezüge zwischen übergeordneten Strukturen und kleineren Beteiligungsgruppen herstellen.

5. Künstlerische Darstellungsformate können Beteiligungsprozesse transparent und wahrnehmbar werden lassen und damit wiederum Beteiligungsmöglichkeiten erzeugen.

6. Künstlerische Projekte sollten bei alledem immer Motor und nicht etwa Moderator eines Planungsgeschehens sein, um die besonderen Qualitäten künstlerischen Handelns einbringen und mit einer eigenen Stimme sprechen zu können.

Eine so verstandene künstlerische Praxis wäre ein produktiver Beitrag zu einer neu gedachten Planungs- und Gestaltungskultur, in der städtischer Raum als vorläufiger, vielfältigen Deutungen und Nutzungen offen stehender, »ermöglichender« Raum aufgefasst werden könnte: als Möglichkeit zur Erprobung individueller und kollektiver Entwürfe gelungener Orte, die einer gelingenden Lebenspraxis Raum geben könnten. Künstler/innen wären aufgerufen, ihre spezifischen Kompetenzen qualifizierend einzubringen, indem sie sich dieser in besonderer Weise an gesellschaftliche Realität geknüpften Aufgabe stellen und sich dabei gleichzeitig als politische Subjekte behaupten, die an der Gestaltung von Gesellschaft teilhaben.


Web-Link: www.iba-hamburg.de

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